Harry Kemelman - Am Samstag aß der Rabbi nichts

Originaltitel: Saturday the Rabbi Went Hungry
Krimi. Rowohlt Verlag 1967
218 Seiten, ISBN: 349923128X

Beinahe ununterbrochen klingelt das Telefon bei Rabbi David Small am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungs- und höchsten Feiertag der jüdischen Gemeinde. Es gibt so vieles, das noch geklärt werden muss, bevor nach jüdischen Gesetzen nicht mehr gearbeitet werden darf; ob ein kranker Mann seine Fastenvorschriften für Medizin verletzen darf? Was mit der defekten Lautsprecheranlage in der Synagoge passieren soll?

Isaac Hirsh gehört nicht zwar zur Gemeinde, aber nicht zu den Besuchern der Synagoge; die Rituale bedeuten ihm nichts. Er will, so versichert er seiner Frau, nach dem Abendessen nochmals ins Labor, wieder arbeiten - aber dann kommt ihm das Verhängnis in Form eines nicht zustellbaren Geburtstagsgeschenks für seinen Nachbarn dazwischen. Natürlich nimmt er das Päckchen stellvertretend an; aber unterwegs muss er einfach feststellen, dass es ein flüssiges Geschenk ist, ein sehr hochwertiges flüssiges Geschenk - das er doch zumindest probieren sollte...

Als seine Frau ihn später abends vermisst, ruft sie die Polizei, die auch rasch fündig wird - in der eigenen Garage. Hier liegt er im Auto, die halbvolle Flasche noch in der Hand - und eindeutig zum letzten Mal betrunken.

Begraben werden soll er nach jüdischer Tradition, wünscht seine Frau, auch wenn sie selbst Christin ist; es liegt im Ermessen des Rabbis, ob Hirsh dennoch weiterhin als Jude gilt. Es liegt auch in seinem Ermessen festzustellen, ob es sich um Selbstmord handle oder nicht - denn das wird ziemlich rasch nach dem Begräbnis geklatscht. Einen Selbstmörder begraben zu haben hieße, den Friedhof zu entweihen - was besonders von einem schon etwas älteren, aber umso wohlhabenderem Gemeindemitglied heftig angeprangert wird.

Da dieser Mann schon beinahe versprochen hatte, das nötige Geld für einen Synagogeneubau zu spenden gerät der Vorsitz der Gemeinde in Aufruhr. Allen voran Moshe Schwarz, der sich bereits als Architekt des Neubaus gesehen hatte und nun alle Hebel in Bewegung setzt, diesen Traum auch verwirklicht zu sehen.

Die Fronten zwischen Vorstand und geistlicher Führung verhärten sich nicht zum ersten Mal, Rabbi Small denkt trotz der bevorstehenden Geburt seines ersten Kindes an Rücktritt und versucht nebenbei noch, das Rätsel um Isaac Hirshs Tod zu klären und seine Gemeindeschäfchen zu behüten...

Nach all den mit blutigen Details ausgestatteten Krimis die es aktuell zu lesen gibt mutet dieser Todesfall besonders beschaulich an. Erst nach langem Tüfteln wird zumindest die Möglichkeit in Betracht gezogen, es könne sich um einen Mord handeln.

Die Aufklärung desselben steht folgerichtig dann auch nicht im Mittelpunkt; viel wichtiger ist der Einblick in den Alltag der kleinen jüdischen Gemeinde. Es geht um Einfluss und kleine Machtspielchen, um Verwaltungsprobleme, um die ganz alltäglichen Reibereien einer größeren Menschengruppe. Sehr unaufdringlich führt Kemelman uns auch ein in die moderne Auslegungsform des Talmud; er führt vor, was hinter mancher Tradition steckt, und dass es nicht genügt, sich streng an die Regeln zu halten, solange man deren Geist nicht erfasst hat.

Dass es sich bei Rabbi Small darüber hinaus um einen sehr integren Sympathieträger handelt, der ein konfessionsübergreifendes Verständnis für seine Mitmenschen besitzt, macht die Reihe noch lesenswerter - trotz der fast 40 Jahre, die seit der Entstehung vergangen sind, ist es immer noch ein lohnenswertes Vergnügen, diese Bücher zu lesen. Eine Empfehlung!

Harry Kemelman

Harry Kemelman wurde 1908 in Boston geboren und studierte an der Boston University und in Harvard. Er arbeitete als Verkäufer und Lehrer, ehe er eine Professur am State College in Boston annahm. 1964 erschien der erste Fall für Rabbi David Small, "Am Freitag schlief der Rabbi lang", der mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet wurde. Seitdem veröffentlichte Kemelman noch zehn erfolgreiche Fälle für den Schriftgelehrten und scharfsinnigen Hobbydetektiv, bevor er 88-jährig in Boston starb.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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