Sayed Kashua - Tanzende Araber

Originaltitel: arawim rokedim
Roman. Berlin Verlag 2002
279 Seiten, ISBN: 3827004918

Erst aus den Zeitungen, die er im geheimen blauen Koffer der Großmutter findet, erfährt der Ich-Erzähler dieses Romans davon, dass sein Vater im Gefängnis gesessen hatte. Die Cafeteria der Universität soll er in die Luft gesprengt haben; im Laufe der Jahre erfährt er immer mehr über die Geschichte seiner Familie, den Großvater, der als Held galt, weil er das Heimatdorf gegen die Juden verteidigt hatte, über den Tauschhandel, durch den die Großmutter überhaupt erst dazu kam, diesen so viel älteren Mann zu heiraten.

Eine Kindheit in einem arabischen Dorf; die Spiele, die gespielt werden, sind Kriegsspiele - nachempfunden den Filmen, die der Vater auf Video vorführt. Den Unterschied zwischen den Videofilmen und den Kriegsnachrichten im Fernsehen erkennen die Kinder noch nicht - für sie ist das nur Action. Aber ihr Weltbild wird dadurch geprägt; feige wären sie, die Juden; das könne man leicht feststellen, wenn man in die Luft schießt. Araber würden zurückschießen, Juden sich auf den Boden werfen.

Doch dann schafft der Junge es, als einer aus einer großen Masse von Schülern auserwählt zu werden, in eine jüdische Schule zu gehen. Nach der ersten Woche will er nie nie wieder dorthin; nie wieder seines Bartschattens wegen auffallen, seiner Kleidung wegen, seiner Aussprache wegen sofort als Araber identifiziert werden. Als Araber, also als dumm, ungebildet und minderwertig, so empfindet er es, und setzt fortan alle Bestrebungen darin, sich zu assimilieren, israelischer auszusehen als die Israelis, ihre Musik zu hören, ihre Bücher zu lesen, hebräisch zu sprechen.

So stolz sein Vater auch darauf ist, dass sein Sohn es geschafft hat, eine gute Schule zu besuchen, so verärgert ist er auch über die fehlende Identifikation mit seiner arabischen Herkunft; er kann noch nicht einmal die Fahne zeichnen, und "weißt du überhaupt, was das ist, die PLO"?

Er findet jüdische Freunde im Internat, auch eine Freundin. Doch nach der Schule will sie nichts mehr mit ihm zu tun haben, von der Mutter wird es ihr verboten, einen arabischen Freund zu haben; und wieder landet der Erzähler bei seinen arabischen Wurzeln, heiratet eine junge Frau aus seinem Dorf, macht ihr das Leben schwer, schafft seine ganzen ehrgeizigen Ziele nicht, und ist am Ende wieder dort angelangt, wo er nie sein wollte: als Araber, der von den Israelis bei Straßensperren rausgewunken wird...

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor hier von seiner eigenen Kindheit schreibt, dass der hier vorliegende Roman nicht allzu fiktional ist.

Um dieses Buch wirklich verstehen zu können, muss man wohl über mehr Detailwissen verfügen, was die kriegerischen Auseinandersetzungen in Israel betrifft, als ich es habe. Aber auch so wirkt es wie eine kalte Dusche; wenn man sieht, dass der Autor 1975 geboren wurde, und dann liest, in welchen Verhältnissen er aufwächst, mit welchen Ideologien er von Anfang an konfrontiert ist, und dann auch mit der Gegenseite konfrontiert wird, mit den ebenso heftigen Vorurteilen, dem Nicht-Wissen über die Kultur der anderen, dann verliert man die Hoffnung, dass der Konflikt zwischen Palästinensern und Israel jemals gelöst werden kann.

Eines muss man dem Autor hier wirklich zu Gute halten: Er klagt nicht an. Er klagt keine der beiden Seiten an, richtet nicht; er zerbricht nur daran, dass er, der jetzt beides kennen gelernt hat, zwischen den Fronten steht und nirgendwo dazu gehört.

Diese Schilderungen gelingen ihm in der Mittelpassage, als er seine Jahre im Internat beschreibt, besonders gut; die Jahre als junger Erwachsener, als verheirateter Mann verlieren dagegen an jener eindringlichen Klarheit.

Als Roman, als literarisches Werk würde mich dieses Buch eher nicht überzeugen. Dazu ist die Erzählung zu fragmentarisch, es fehlt die Distanz des Erzählenden zum Stoff. Es ist der Inhalt, der hier zählt - und der das Buch zu einer sehr lohnenswerten Lektüre macht, die ich all jenen ans Herz legen möchte, die diesen Konflikt einmal nicht von der politischen Seite betrachten möchten, sondern die Chance auf ein Stimmungsfragment aus dem Alltag wahrnehmen möchten.

Sayed Kashua

Sayed Kashua wurde 1975 geboren und lebt im palästinensischen Teil des Dorfes Beit Safafa bei Jerusalem. Er ist Filmkritiker und Kolumnist der in Tel Aviv erscheinenden Wochenzeitung Ha´r. Sayed Kashua ist verheiratet und hat eine Tochter. Tanzende Araber ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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