Volker Kaminski - Spurwechsel

Originaltitel: Spurwechsel
Roman. DVA 2001
164 Seiten, ISBN: 3421055165

In Berlin ist die Mauer gefallen - und Louis Descher sitzt in Freiburg und weiß, dass er jetzt eigentlich seine langjährige Freundin Alida heiraten, seinen Bücherschrank ausmisten und Kinder in die Welt setzen sollte.

Statt dessen packt er seine Sachen und fährt nach Berlin. Für ein paar Wochen nur, wie er allen in Freiburg versichert. Aber dass er noch einmal zurückkommt, kann er sich nicht vorstellen. Schließlich ruft Berlin - die Stadt, in der nun alles in Bewegung ist, wo Künstler zu finden sind, die Szene - und vielleicht auch seine Zukunft.

Auf dem Weg nach Berlin fällt ihm auch sein alter Freund Paul wieder ein, der schon nach dem Abitur in die Inselstadt gezogen war. 10 Jahre hatten sie nun nichts mehr voneinander gehört, sich völlig aus den Augen verloren. Ihr Wiedersehen verläuft auch etwas kühl; im Gegensatz zu Louis hat Paul sich nicht verändert. Er glaubt immer noch an seine alten Ideale, an eine Gemeinschaft, in der jeder gefördert wird. Louis hielt diese Idee schon vor 10 Jahren für ein Hirngespinst. Aber Paul hatte sich seinen Traum erfüllt: in seiner Villa in Zehlendorf lebten neben seiner Frau und den Kindern Maler, Bildhauer, Sänger und Schriftsteller. Ein idyllisches, weltabgewandtes Nest, wie Louis urteilt. Ein Traum, wie Paul kontert.

In ihre alten Auseinandersetzungen gelangt aber bald ein neuer Ton. Isabelle, Pauls Frau, beginnt ein leidenschaftliches Verhältnis mit Louis. Und wenige Wochen später bittet sie ihn, ebenfalls in die Zehlendorfer Villa zu ziehen...

Was Volker Kaminski kann, ist ein Alltagsszenen zu beobachten und nachzustellen. Herrlich, wie man versucht, Pauls Mutter für einen enttäuschenden Besuch in der Philharmonie zu entschädigen: ein hausgemachtes Programm, ein Vortrag, der Louis unermesslich peinlich ist. Oder auch die Diskussionen in den "Künstlerkreisen", wie man denn nun zu leben hätte, welchen Idealen man nachhängen solle; ja, das ist ihm wunderbar gelungen, hier hat er ein Stück Zeitgeist eingefangen.

Aber wenns darum geht, nicht einzelne Episoden, sondern eine ganze, lange Geschichte zu erzählen, dann verschwindet sein Talent. So kann ich Spurwechsel auch wirklich nur sehr bedingt weiterempfehlen.

Volker Kaminski

Volker Kaminski, geboren 1958, debütierte 1994 mit der Novelle "Die letzte Prüfung". 1996 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium und das Stipendium der Kunststiftung Baden-Würtemberg. 1998 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Er lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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