Originaltitel: Militärmusik
Roman. Goldmann Verlag 2001
192 Seiten, ISBN: 3442545323

In "Russendisko" hat Wladimir Kaminer in Episodenform von seinem Leben in Berlin erzählt; "Militärmusik" erzählt die Vorgeschichte, seine Kindheit und Jugend im kommunistischen Moskau. Und diesmal hat er einen Roman daraus gemacht - was, soviel sei vorweggenommen, seinem Erzähltalent viel stärker entspricht.
Ein Geschichtenerzähler war er schon in seiner Kindheit. Mit lebhafter Phantasie ausgestattet, gelang es ihm lange, seine Rolle als "Politinformator" ad absurdum zu führen; mit Nachrichten aus alten Zeitungen, die er je nach Belieben ausschmückt. Erst als in seinen Erfindungen Simbabwe Russland den Krieg erklärt, fliegt der Schwindel auf. "Ich erzählte und erzählte. Der eine war begeistert, den anderen machten meine Geschichten wütend, immerhin - alle hörten aufmerksam zu. Ich wurde zum größten Spinner der Schule. Gleichzeitig entwickelte ich eine Besonderheit: die absolute Unfähigkeit, etwas Solides zu lernen. Alle Informationen, die ich mitbekam, drehte ich unwillkürlich um und machte daraus immer neue Geschichten."
Auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen antwortet er stets "Schauspieler" - in der ruhigen Sicherheit, dass es dazu ohnehin nicht kommen würde. Denn eigentlich will er gar nichts weiter werden, statt dessen immer weiter herumlungern und das Leben genießen. Aber: da ist sie plötzlich, die Möglichkeit, sich zum Toningenieur ausbilden zu lassen.
Diese Entscheidung bringt ihn an einige der verrücktesten Theater in Moskau - und Kaminer weiß herrliche Geschichten und Anekdoten zu erzählen, wie zu viel Alkohol während der Vorstellung mit dem Zwangsbesuch von Aerobic-Stunden verbüßt werden musste, wie die Proben bei dem Stück verlaufen, das der Politfunktionär unbedingt gespielt haben will, weil es aus seiner Feder stammt - man sitzt einfach nur da, lacht und genießt. Denn Kaminer hat es wirklich: dieses unglaubliche Erzähltalent, mit dem er jeden dazu bringt, zumindest zuzuhören. Und er hat eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe.
Ich habe mich königlich amüsiert, dabei aber auch wieder ein klein wenig mehr über ein Leben in Russland jenseits der Klischees vom kommunistischen, unwirtlichen Russland erfahren - sehr empfehlenswert!
Wladimir Kaminer wurde 1966 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin, wo er inzwischen als freier Autor und kreatives Multitalent so bekannt wie erfolgreich ist. Kaminer veröffentlicht regelmäßig Texte in der FAZ, hat eine Kolumne in der taz, und organisiert im Kaffee Burger Veranstaltungen wie zb die "Russendisko".
Javier Marias - Die sterblich Verliebten
Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der steht dieses Thema im Vordergrund und wird gewohnt ausschweifend behandelt. Wer diesen Stil mag, wird auch diesmal wieder genug Gelegenheiten haben, sich an Sprache und Wendungen zu erfreuen. An "Mein Herz so weiß" kommt er damit aber nicht heran. [..MEHR..]
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