Franz Kafka - Der Prozeß

Originaltitel: Der Prozeß
Roman. Suhrkamp Verlag 1926
279 Seiten, ISBN: 3518393375

"Welcher Autor hat sie am meisten beeinflusst" wird immer wieder gefragt - und sehr häufig taucht der Name "Kafka" unter den Genannten auf. Als "kafkaesk" werden seither Situationen beschrieben, die sich durch eine diffuse Bedrohung auszeichnen.

Diese unheimliche, seltsame Stimmung ist auch bereits zu Beginn von "Der Prozess" vorhanden. Eines Morgens wird K. in seinem Pensionszimmer verhaftet - ohne Angabe von Gründen. Er wird nicht ins Gefängnis gebracht; nachdem er von seiner Anklage erfahren hatte, ein wenig gedemütigt worden war, war er sogar aufgefordert worden, sein Leben weiterzuleben wie bisher, zur Arbeit zu gehen, nur zu einer Versammlung sollte er kommen.

Der Tag für diese Versammlung war ihm zwar genannt worden, doch nicht der genaue Ort und die exakte Zeit; "zu spät" bescheidet man ihm dann auch, als er nach langem Suchen und Irren endlich an der rechten Stelle angelangt ist.

Einen Advokaten benötige er, wird ihm geraten; aber einen, der etwas von der Sache versteht, der durch seine guten Kontakte zu dem einen oder anderen Beamten seine Sache vielleicht günstig beeinflussen könne, gelte doch alleine schon die Tatsache, dass er sich zu verteidigen gedenke als Beweiß für seine Schuld.

Mehr und mehr beherrscht der Prozess K.s Denken und Tun; Misstrauen keimt in ihm, Unruhe treibt ihn um, und als dann endlich, nach langer, langer Zeit, zwei Männer kommen, ihn zu holen, ist es wie eine Erlösung...

Es ist für mich schon eine eigenartige Sache mit Kafka: ich war beim Lesen nicht unbedingt begeistert, obwohl ich positiv überrascht war von der klaren, schnörkellosen Sprache, die so zeitlos ist. Es war für mich nicht nachvollziehbar, dass ein Mensch sich so wie K. einfach in sein Schicksal fügen solle, nicht rebellieren würde, wenn ihm noch nicht einmal der Grund für seine Verhaftung genannt werden kann.

Aber es ist trotzdem ein Buch, das mich lange nicht losgelassen hat; was hier als Prozess ohne Anklage geschrieben steht, erschien mir nach einiger Zeit wie das eigene, unterschwellige Schuldbewusstsein, das Wissen darum, dass man nicht in allen Punkten immer rechtens handelt, dass man so manches lieber verbergen möchte und dann daran leidet, dass man seine Schuld nicht einfach eingestehen kann.

Würde ich nach den Autoren gefragt, die mich am meisten beeindruckt haben, wäre Kafka zwar nicht darunter; die Scheu, die ich aufgrund des ihn umgebenden Nimbus vor seinen Büchern entwickelt habe, habe ich nach der Lektüre dieses Buches aber verloren.

Franz Kafka

Franz Kafka, am 3. Juli 1883 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Prag geboren, studierte Jura und arbeitete als Anwalt in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt" in Prag. Er starb am 3. Juni 1924 in einem Sanatorium in der Nähe von Wien.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Der Verschollene (Amerika)
  • Das Urteil. Gelesen von Wolfgang Schiffer
  • Die Verwandlung. Gelesen von Martin Seifert
  • Die Verwandlung
  • Der Prozeß

Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©31.08.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing