Peter Stephan Jungk - Die Erbschaft

Originaltitel: Die Erbschaft
Roman. List Verlag 1999
269 Seiten, ISBN: 3471794034

Daniel Löw hat von seinem Onkel ein großes Vermögen vererbt bekommen. Allerdings lebte dieser Onkel in Carracas - und Daniel in London. Als Daniel vom Tod seines Onkels erfährt, sind schon einige Wochen vergangen, ein Freund des Onkels erklärt ihm, zum Testamentsvollstrecker benannt worden zu sein.

Seit Kindestagen hatte Daniel vom Onkel immer nur gehört, er wäre eines Tages der Alleinerbe, würde alles erhalten - und gerade in der letzten Zeit hatte er ihm immer wieder erklärt, im Falle seines Todes vor allem auch an die Konten in Hamburg und Panama zu denken.

Doch nun zieht sich alles lange hin - der Testamentsvollstrecker hat keine Eile damit, ihm sein Geld zukommen zu lassen, und so beschließt er, selber hinzufliegen und nach dem Rechten zu sehen. Zumal er in der Zwischenzeit erfahren hat, daß die Konten in Hamburg in den vergangenen Wochen aufgelöst worden wären.

In Carracas erwartet ihn ein Sumpf; er weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann und wem nicht. Alle scheinen miteinander unter einer Decke zu stecken, in irgendeiner Form miteinander zu tun zu haben. Vertrauensvoll wendet er sich an den erstbesten Rechtsanwalt, erzählt seine Geschichte auch einer Frau, die sich seiner annimmt.

Er erreicht auch etwas - ein kleines bißchen zumindest. Die Summen, die in Hamburg deponiert waren, erhält er; doch die Konten in Panama sind ebenfalls längst abgeräumt, und das Bankgeheimnis ist dort noch viel strenger als in der Schweiz.

Er beginnt einen aussichtslosen Kampf um sein Erbe…

Vor einiger Zeit hatte ich den Autor aus einigen Passagen des damals noch unvollendeten Manuskripts zu diesem Buch lesen gehört und seither gespannt auf das Erscheinen gewartet.

Sehr nachfühlbar ist der Gemütszustand Daniel Löws geschildert; der arme Poet - er ist Lyriker -, dem ein Vermögen winkt, und der sich dazu erstmal mit Recht, Strategie und Pokertricks bewaffnen müßte. Etwas, das er eigentlich gar nicht will: er möchte einfach hingehen, sein Recht erhalten, wäre auch jederzeit dazu bereit, einen Teil davon abzutreten - und danach wieder in Ruhe gelassen zu werden und an seinen Schreibtisch zurückkehren.

Doch in Carracas läuft alles ganz anders; und genau dieser Zustand, wenn jeder, an den man sich vertrauensvoll wendet, auch sein eigenes Süppchen kocht, und ihn immer wieder reinlegt, erinnert beinahe an einen Gruselfilm. Oh ja, Daniel Löw - ich habe mit dir gelitten. Und trotzdem auch: recht geschieht dir. Hättest du dich mit deinem Onkel unterhalten, hättest ihn besucht, wie er es dir immer wieder vorgeschlagen und auch finanziert hatte, du wärst wahrscheinlich tatsächlich mit deinem Erbe nach Hause gegangen.

In Rückblenden wird dies auch immer wieder erzählt: die vielen Kränkungen, die der Onkel hingenommen hatte, weil Daniel die versprochene gemeinsame Zeit so weit wie möglich abzukürzen versuchte.

Anfangs hat dieses Buch ziemlich geholpert, es war nicht besonders stimmig. Das wurde im Verlauf der Geschichte besser, einige Passagen waren sogar ausgesprochen gut gelungen - wie jener Rückblick, als Daniel die letzte Begegnung Revue passieren läßt. Doch gerade an den Dialogen wird der Erzählfluß wieder gehemmt; eigentlich sollte das gesprochene Sprache sein, aber dazu ist sie zu gespreizt. Zudem hatte ich den Eindruck, daß eine Person, die angeblich seit Jahren in Carracas lebt, aber ursprünglich aus Speyer stammt und jetzt Deutsch mit Dialekteinflüssen spricht - nun, für mich klang dieser Dialekt nicht nach der Pfalz, sondern nach Berlin.

Nach dem schönen Buch "Die Unruhe der Stella Federspiel" und den verlesenen Passagen hatte ich mir eigentlich mehr von der "Erbschaft" erwartet.

Peter Stephan Jungk

Peter Stephan Jungk wurde 1952 in Stanta Monica / Kalifornien geboren. Er wuschs in Wien und Berlin auf und studierte von 1974 abis 1976 am American Film Institute in Los Angeles. Seit über 10 Jahren veröffentlicht er Essays und literarische Porträts unter anderem im Frankfurter Allgemeinen Magazin und lebt heute als freie Schriftsteller in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing