Peter Stephan Jungk - Die Unruhe der Stella Federspiel

Originaltitel: Die Unruhe der Stella Federspiel
Roman. List Verlag 1996
241 Seiten, ISBN: 3612275348

Stella Federspiel entwirft Uhren für eine Schweizer Manufaktur. Doch nicht nur die Mechanik, die dahinter steht, fasziniert sie - ihr ganzes Leben ist von der Suche nach einem Verständnis der Zeit geprägt.

Ihr Vater besaß - gemeinsam mit ihrm Onkel - das größte deutschsprachige Antiquariat an der amerikanischen Westküste, das nun aufgelöst werden muß. Beim Verpacken des Buchbestandes tauchen alte Erinnerungsstücke wieder auf - und ein ungehagliches, ihr Angst einflößendes Gefühl, als würde sie permanent von einer bösartigen Kraft beobachtet, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr verspürt hat.

Zurück in der Schweiz taucht plötzlich ihr alter Jugendfreund wieder auf - Anthony, ein Künstler.Er ist mit dem Ziel gekommen, einen neuen Menschen zu zeugen. Stella, beruflich erfolgreich, und geprägt von der klammernden Nähe ihrer Eltern, aus der sie sich nur schwer gelöst hat, wehrt sich vehement dagegen - und wird dennoch von Anthony überlistet. Außer sich vor Zorn und Entsetzen macht sie ihm eine Szene - daraufhin verschwindet er, wie schon einmal vor 12 Jahren, ohne ein Wort, läßt alles bei ihr zurück.

Stella läßt das Kind abtreiben -und fühlt sich danach ihrer Mitte beraubt, absolut unruhig und aus dem Rhythmus gebracht.

Von ihrem Vater wird sie inständig gebeten, eine Familie zu gründen, ihm ein Enkelkind zu schenken, was sie noch mehr aus der Fassung bringt.

Während ihrer jährlichen großen Reise, eine Zeit, die sie ohne Uhr, Kalender und Zeitung - völlig zeitlos - verbringt, wird ihr auch noch beruflich der Boden unter den Füßen weggezogen - ihre Abwesenheit wird zum Komplott gegen sie genutzt.

Doch während dieses Kampfes lernt sie, daß auch die negative Kraft, vor der sie sich so fürchtet, zu ihr gehört, sie selbst ist - und sie stellt sich ihr. In diesem Buch kann man sehr vieles finden - die Geschichte einer Karrierefrau, die das Ticken der biologischen Uhr vernimmt, dann die Suche eines Menschen nach dem Sinn des Lebens, dem Platz in der Zeit, der Generationenkette.

Leise klingt auch die Suche nach dem eigenen Glauben an - einmal bei Anthony und, für mich eine der schönsten Szenen im Buch, als Stella nach ihrer Abtreibung urplötzlich auf einen Mann stößt, der Gebetsriemen herstellt.

Auch die räumliche Entwurzelung - einerseits der Elterngeneration, die durch den zweiten Weltkrieg aus Europa vertrieben wurden, und deren Kinder, die umgekehrt zum Teil wieder nach Europa zurückkehrten.

Besonders gut gefallen hat mir die Art und Weise, wie dieser jüdische Aspekt im Buch behandelt wird: zwar immer präsent, aber auf eine unaufdringliche Art und Weise, ohne erhobenen Zeigefinger, und auch mit viel Humor gezeichnet.

Wunderschön fand ich auch den zeitlichen Aufbau des Romans: ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr.

Außerdem habe ich einiges über den Aufbau von Uhren und deren Funktionsweise gelernt.

Ein sehr lesenswertes Buch - ich kann es nur empfehlen!

Peter Stephan Jungk

Peter Stephan Jungk wurde 1952 in Stanta Monica / Kalifornien geboren. Er wuschs in Wien und Berlin auf und studierte von 1974 abis 1976 am American Film Institute in Los Angeles. Seit über 10 Jahren veröffentlicht er Essays und literarische Porträts unter anderem im Frankfurter Allgemeinen Magazin und lebt heute als freie Schriftsteller in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©22.11.1998 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing