Originaltitel: The Sense of an Ending
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2011
192 Seiten, ISBN: 3462044338


Tony Webster blickt auf ein beschauliches Leben zurück - eine Tochter, eine geschiedene Ehe (aber noch immer ein gutes Verhältnis zur Exfrau), eine solide Karriere. Nun könnte sein Leben im Ruhestand einfach so weitergehen, behaglich, bequem… doch da erbt er plötzlich das Tagebuch eines früheren Schulfreundes, der sich vor vierzig Jahren das Leben genommen hat. Tony Websters Erinnerungen, die so klar und geordnet schienen, zeigen plötzlich Risse - und Webster muss sich Erkenntnissen stellen, die sein Selbstverständnis ins Wanken bringen.
Adrian Finn kam in der letzten Schulklasse zur Dreierclique, der Tony Webster angehörte. Man las Beaudelaire, rauchte, onanierte, diskutierte, philosophierte - kurzum, die jungen Männer hielten sich in vieler Hinsicht für einzigartig und brillant. Die intellektuelle Überlegenheit Adrians ist den anderen dennoch bewusst; während sie nach Zustimmung suchen, bleibt Adrian autark. Seine Sicht auf die Welt, seine Fragestellungen gerade auch danach, wie Geschichte geschrieben wird, erstaunt auch seine Lehrer.
In diesem letzten Schuljahr nimmt ein Schulkamerad sich das Leben. Von einer Liebesbeziehung mit ungeplanten Folgen wird gemunkelt, doch - was wirklich dahinter steckt, wer kann es wissen, da man doch dem wichtigsten Zeugen keine Fragen mehr stellen kann?
In den ersten Studienjahren bleibt der Kontakt zwischen den Freunden bestehen, wenn er auch loser wird. Es ist eine Zeit der sexuellen Frustration, vor allem für Tony Webster, dem lockeres Anbändeln nicht gegeben ist. Bis, ja, bis Veronica kommt. Eine hübsche junge Frau aus gutem Hause, lockend und kompliziert. Auf sie ist er stolz; seinen Freunden soll sie gefallen, gerade auch Adrian…
Diese Zeit der Umbrüche, der großen Hoffnungen und der tiefen Verzweiflung, hatte Tony Webster in den Erinnerungen an sein Leben weitgehend getilgt. Das Erbe ruft seine Erinnerungen hervor - und konfrontiert ihn mit einer Schuld, die er damals nicht erkennen konnte.
Der Roman umfasst nur 192 Seiten; und dennoch schafft der Autor es, ganz behutsam und langsam Erinnerungen bloßzulegen, die manche Geschehnisse in ein anderes Licht tauchen. Taugt man selbst als Zeuge der eigenen Vergangenheit? Wie oft im Leben justiert man die eigene Historie neu, um sich nicht mit unbequemen Schwächen belasten zu müssen? Tony Webster war ein Meister im Beseitigen solcher Lasten. Es ist ein großes Verdienst dieses Romans, ihn in seiner Fragestellung so umfassend zu begleiten.
Es gibt viele Stellen im Roman, die einen Autor dazu verleiten hätten können, ins Kitschige abzugleiten. Barnes hat diese Gelegenheiten gut umschifft, er lässt vieles unerzählt. Ein sehr kunstvoller Schachzug.
Ein Manko gab es für mich leider aber dennoch; ein Grund, warum ich das Buch zwar als sehr gut, aber nicht als brillant oder als besonderes Buch empfunden habe. Die eigentliche Konstruktion der Geschichte, dass also Tony das Tagebuch Adrians von Veronicas Mutter erbt, wird für mich nicht glaubhaft. Der Umweg wird gebraucht, um die folgende Geschichte glaubhaft zu machen, aber sie ist dabei in sich nicht schlüssig, das fand ich etwas schade.
Dennoch - ein sehr schöner Buchtipp zum Jahresausklang, das auch verdientermaßen mit dem Man Booker Prize 2011 ausgezeichnet wurde.
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und dann als Journalist. Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei". Er lebt in London
Daniel Glattauer - Ewig Dein
Mit Mitte dreißig hat Frau schon die eine oder andere Beziehung hinter sich und so manche Illusion verloren. Der Traum vom Prinz auf dem weißen Pferd, der seine Prinzessin auf Händen trägt, wird meist als erstes gegen ein realistischeres Bild eingetauscht. Kein Wunder, dass Judith es kaum glauben kann, als der Mann, den sie im Supermarkt kennen gelernt hat, auf einmal genau damit anfängt: sie auf Händen zu tragen. Jeden Wunsch erfüllt er ihr, noch bevor sie ihn selbst denken konnte - und wird ihr damit immer unheimlicher. Bald fühlt sie sich erdrückt von so viel Aufmerksamkeit und wünscht sich ihre Freiheit zurück. Doch die ist nicht so einfach zu haben… netter Ansatz, aber für mich nicht überzeugend [..MEHR..]
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