Melissa Jones - Drei grausame Frauen

Originaltitel: Sick at Heart
Roman. Knaur Verlag 1997
287 Seiten, ISBN: 3426660210

Alex´ Therapeutin ist der Meinung, dass ihm die Geschehnisse, die ihn in die geschlossene Anstalt gebracht hatten, vielleicht klarer werden würden, wenn er den Menschen, die er für schuldig hält, Briefe schreibt.

Und so schreibt er drei lange Briefe - an seine drei grausamen Frauen, wie er sie nennt. Seine Mutter, seine Frau und seine junge Geliebte.

Mit seiner Mutter war Alex sehr lange Zeit alleine - sie lebten zurückgezogen in einem Haus in Südfrankreich, ganz auf sich bezogen. Eine idyllische Zeit, wie Alex meint, ohne Probleme, ohne Druck. Dass seine Mutter in dieser Zeit häufig so viel trinkt, dass das Kind sie ins Bett bringen muss, dass das Kind eigentlich den Haushalt organisieren muss, kommt zwar in seinen Erinnerungen auch vor - aber mit ganz anderen Vorzeichen. Aber irgendwann wird man aus jedem Paradies vertrieben - Alex zu dem Zeitpunkt, als seine Mutter wieder heiratet. Und auch dem inzestuösen Verhältnis zwischen Mutter und Tochter erstmal ein Ende setzt. Doch Alex weiß sich zu wehren - und seine Mutter bleibt als Witwe zurück.

Seine Frau, die er kurz darauf beim Studium kennenlernt, stammt aus guter Familie. Ihre Eltern sind von Anfang an gegen diese Beziehung - und als Susannah merkt, dass er, der sie doch so sehr liebt, trotzdem auch mit anderen Frauen schläft, will auch sie ihn nicht mehr heiraten. Aber Alex ist hartnäckig - er wartet, und gewinnt schließlich. Ist er nun am Ziel seiner Träume? Nicht ganz. Denn Susannah ist nicht die Frau, die er sich vorgestellt hat; nicht die Frau, die ihn abends in einem wohligen Heim erwartet und nur noch für ihn lebt. Also muss er ihr zeigen, was er erwartet….

Armer Mann. Was für ein armer Mann, der natürlich alles in seinem Leben richtig gemacht hat, und jetzt - völlig zu Unrecht und verkannt - in einer geschlossenen Anstalt sitzt.

Ein wirklich sehr raffiniert erzählter Roman - der Autorin ist es sehr gut gelungen, sowohl die naiv-egozentrische Wahrnehmung Alex´ darzustellen und dabei auch immer wieder durch kleine Risse in der Selbstwahrnehmung auch das zu präsentieren, wie der Rest der Menschheit sein Verhalten wahrnimmt.

Und streckenweise ist man wirklich in Versuchung, Mitleid mit diesem Scheusal zu haben....

Melissa Jones

Melissa Jones wurde in London geboren und hat in Oxford studiert. Sie hat beim Film und beim Fernsehen gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Ihr erster Roman, "Denn kalt ist die Erde" wurde von der BBC verfilmt

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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