Jonathan Franzen - Freiheit

Originaltitel: Freedom
Roman. Rowohlt Verlag 2010
736 Seiten, ISBN: 349802129X

Zu Beginn lässt uns Jonathan Franzen in seinem neuen, mit Sehnsucht erwarteten Roman "Freiheit" einen Blick auf idyllische Zustände werfen: Walter und Patty Berglund sind seit Collegezeiten ein Paar, nun schon lange glücklich verheiratet, haben zwei gesunde, intelligente und auch noch hübsche Kinder, Junge und Mädchen, wie es besser nicht sein könnte. Sie leben in einer selbst restaurierten Villa in einer mittlerweile sehr angesagten Gegend, Patty hat berufliche Ambitionen an den Nagel gehängt und sich stattdessen ganz darauf verlegt, ihren Sprösslingen eine glückliche Kindheit zu bereiten. Und da Walter gut verdient, lässt sich das alles auch finanzieren. Richard Katz, ein alter Freund Walters, lebt ein gänzlich anderes Leben: musiziert mit einer nicht sehr erfolgreichen Band, baut Dachterrassen und bricht reihenweise Frauenherzen. Doch zu Richard kommen wir später noch ausführlicher.

Es scheint, als ob die Berglunds nichts so schnell aus der Ruhe bringen könnte. Patty und Walter führen eine sogenannte glückliche Ehe; Walter ist immer noch ein glühender Bewunderer seiner schönen Frau, und Patty… nun, Patty weiß durchaus auch, was sie an Walter hat, meistens jedenfalls. Sie kommen gut miteinander aus, haben ab und zu sogar noch Sex, wenn auch so gut wie nie auf Pattys Initiative hin.

Der erste große Riss in diesem Bild der heilen Welt zeigt sich, als Patty als letzte der Nachbarschaft erfährt, dass ihr Sohn Joey schon seit Jahren sexuell mit dem etwas älteren Nachbarsmädchen Connie verkehrt. Wobei Patty neben der Tatsache, dass Joey mit zwölf Jahren ihr einfach noch zu jung ist, vor allem davon erschüttert ist, dass sie selbst Connie unter ihre Fittiche genommen hatte. Schließlich ist Connies Mutter alleinerziehend und abends häufig unterwegs - zumindest bis sie sich neu liiert. Und dieser neue Mann im Leben ihrer Nachbarin ist Patty ein Dorn im Auge. Ausdauernd hämmert und sägt er, bis ein hässlicher Anbau am Wohngebäude die Träume jedes Jugendlichen erfüllt: Bier, Billard, Videospiele. Und ausgerechnet hierhin setzt Joey sich mit 16 Jahren ab; zieht einfach ins Haus seiner Freundin, nachdem seine Mutter ihm den Kontakt zu Connie vermiesen wollte, und trifft sie damit im Innersten.

Es gäbe da zwar auch noch eine Tochter, Jessica, aber die erfüllt ja die Norm und bleibt im Roman daher eine ausgesprochen blasse Figur. Joey aber war das Ein und Alles seiner Mutter, ihm hat sie weit mehr anvertraut, als es einer Eltern/Kind-Beziehung eigentlich gut tut. Sein Verrat verstärkt noch die Krise, in der sie sich wahrscheinlich ohnehin jetzt, nachdem die Kinder flügge werden, wieder gefunden hätte: und sie flüchtet, wohin auch sonst, erstmal in den Alkohol. Und kurz darauf in eine kurze, leidenschaftliche Affäre mit dem besten Freund ihres Mannes, besagtem Richard Katz.

Dazu sollte man nun an dieser Stelle weiter ausholen und, wie auch im Buch jetzt anhand eines autobiographischen Bericht Pattys mit dem Titel "Es wurden Fehler gemacht", eine Rückblende auf die Zeit einbauen, als die drei sich kennen lernten. Richard war der Freund oder zumindest Sexpartner von Ella, die wiederum eine etwas seltsame Freundin Pattys war. Und durch diese beiden lernte sie dann den braven Walter kennen, die treue Seele, der ihr, der großen, schönen Sportskanone, sofort rettungslos verfallen war. Patty allerdings fühlte sich viel stärker vom gar nicht braven Richard angezogen. Der jedoch ist zwar Frauen gegenüber rücksichtslos, einen Menschen in seinem Leben aber gibt es, der in ihm den "guten Menschen" zum Vorschein ruft, und das ist ausgerechnet Walter. Verzwickte Situation. Und weil Richard die eigens eingerichtete Gelegenheit nicht nutzt, stürzt Patty sich in Walters Arme mit den schon bekannten Konsequenzen.

Zerrissen zwischen Schuldgefühlen und quälender Sehnsucht (und dazu nicht unbeträchtlichen Mengen Alkohol) macht Patty sich selbst und ihrem Mann das Leben zur Hölle. Dieser hat nun, in der Mitte seines Lebens, den soliden Job geschmissen und sich stattdessen seinen Idealen verschrieben. Und Ideale hatte er, der Sohn eines Alkoholikers, der ein heruntergekommenes Motel betrieb, schon immer, hatte sich seit Jugend an mit Umweltschutz und Fragen des Bevölkerungswachstums beschäftigt. Nun stürzt er sich mit Leib uns Seele in ein Projekt, das Aussterben eines unscheinbaren Waldvogels zu verhindern. Dabei wird er kräftig unterstützt von einer jungen, bildschönen Frau namens Lalitha, die sich, man ahnt es schon, aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen in ihren Chef verliebt, der ihre Avancen jedoch standhaft abwehrt.

Während der Vater gegen Bush wettert und sein Umweltschutzprojekt auf diffusen Bahnen vorantreibt, nutzt Joey am College die sich neu auftuenden Kontakte und verdient sich mit windigen Geschäften als Zulieferer für den Irakkrieg eine goldene Nase. Richard findet sich plötzlich als erfolgreicher Rockstar wieder, ausgerechnet die Lieder, die er über seine große, unerreichbare Liebe - ach Patty, schmacht - geschrieben hatte, sind nun ein Riesenhit, und er darf noch nicht einmal verraten, wem sie gelten, weil er ja immer noch Walter treu ergeben ist.

Noch nicht genug Klischees? Nein? Dann können Sie weiterlesen. Wir sind erst etwa bei der Hälfte des Buches angekommen. Das unglaubliche Happy End steht noch aus, in dem wirklich fast alle ihr neues Glück finden, bis auf die, die Franzen mangels besserer Ideen kurzerhand sterben ließ.

Während ich bei den Korrekturen, Jonathan Franzens wirklich großem Familienroman, noch das Gefühl hatte, diese Personen gehen genau MICH etwas an, sie erzählen Geschichten, die auch in meinem Leben passieren könnten, es geht um das schwierige Verhältnis zu MEINEN Eltern, zu MEINEN Geschwistern, blieben die Protagonisten der "Freiheit" für mich sehr holzschnittartig und blutleer. Alle sind schön, entweder sehr idealistisch oder sehr korrupt, ganz Mutter (Patty) oder gar nicht (Pattys Mutter) und so weiter.

Über das Frauenbild in diesem Roman würde ich ohnehin noch gerne ein paar Worte verlieren. Da gibt es einmal die Mutter von Patty, eine Jüdin, die in eine wohlhabende protestantische Familie eingeheiratet, vier Kinder in die Welt gesetzt und sich danach der Politik verschrieben hat. Tochter Patty wird zur Sportlerin und damit zum schwarzen Schaf; die beiden Schwester haben künstlerische Ambitionen, die von den Eltern bis weit ins Erwachsenenalter hinein finanziert werden. Nun wissen wir ja bereits, dass Patty als Beruf und Berufung Hausfrau gewählt hat - eine Arbeit, die leider mit keiner Vergütung versehen ist. Das Geld für den Lebensunterhalt wird von Walter verdient; da mutet der Kommentar von Pattys Mutter, als es ein Erbe zu verteilen gilt, schon sehr seltsam an, dass Patty ja schließlich das einzige ihrer Kinder sei, das "auf eigenen Füßen" stehe und finanziell keine Zuwendung benötige.
Und als nächstes gibt es Connie, die erst als ein Kind geschildert wird, das eigentlich etwas zurückgeblieben wirkt, dann als treu ergebene Sexpuppe für Joey dient, die keinen anderen Antrieb im Leben hat, als bei ihm zu sein, und daher auch nach wie vor bei ihren Eltern wohnt, nur jobbt, keine Ausbildung macht bis sie von Joey fast dazu gezwungen wird - um dann gegen Ende als so intelligent und clever hingestellt zu werden, eine Wandlung, die mir nicht recht einsichtig ist, wie mir überhaupt diese Figur sehr seltsam erschien. Connies Mutter wird mehr oder weniger als Schlampe hingestellt, dann gibt es noch Lalitha, die idealistische Heldenverehrerin mit dem unermüdlichen Drang zur Weltverbesserung und Walterbeglückung… kurzum, während den männlichen Protagonisten noch etwas wie Eigenständigkeit zugestanden wird, sind Frauen, obwohl der Großteil des Buches mit ihren Geschichten gefüllt ist, hier trotzdem immer nur Staffage für die Männer.

Das Problem ist aber, dass ich das Buch trotzdem nicht halbgelesen beiseite legen wollte. Dazu schreibt Franzen nämlich leider zu gut. Es sind trotz aller Punkte, die ich an dem Buch kritikwürdig finde, immer noch eine Menge sehr guter Beobachtungen enthalten. Die Freiheit, die im Titel enthalten ist, sein Leben so zu gestalten, wie man es willl, und sei das, es zu verpfuschen - nun diese Freiheit lässt Franzen seine Protagonisten ausgiebigst nutzen. Wie schon in den Korrekturen klingt auch hier an, dass man sich nie so weit von seinen Wurzeln, seinem Elternhaus, wegbewegen kann, dass man nicht immer noch in deren Schatten stünde. Viele Verhaltensweisen haben ihren Ursprung in der Kindheit, dafür gibt es auch hier wieder jede Menge Beispiele, und diese Beispiele zählen nicht zu den schlechtesten Stellen des Buches. So litt Patty in ihrer Kindheit unter den Spötteleien ihres Vaters; dass ihre eigene Wesensart, sich über sich selbst und ihre Lieben lustig zu machen, hatte sie damit lange nicht in Zusammenhang gebracht.

Der große Familienroman, der große Wurf, als der dieser Roman in den Feuilletons zum Teil schon vor Erscheinen gepriesen wurde, ist "Freiheit" in meinen Augen mit Sicherheit nicht. Ich habe mich über weite Strecken sogar ziemlich gelangweilt beim Lesen; die seitenlangen Vogelbeschreibungen und Walters Irrungen und Wendungen seien dafür nur ein Beispiel. Dann noch das Ende… ach, das Ende. Das habe ich schlicht nicht verstanden. Ein derart zuckergussartiges rosakitschiges Happy End, das kann doch eigentlich nur ironisch gemeint sein - aber ich habe die Ironie darin nicht gefunden.

Dieses Ende, die recht eindimensionalen Protagonisten und die für mich einfach zu zahlreichen Sexszenen (und wahrscheinlich eine gute Portion "Trotz", weil meine Hoffnungen auf einen schönen großen Roman zerschlagen wurden) haben mich bewogen, diesem Buch statt der drei Sterne, die es handwerklich hätte bekommen müssen, nur mit zweien zu versehen.

Freiheit wird wahrscheinlich eines der meistverkauften und meistverschenkten Bücher im Weihnachtsgeschäft 2010 sein - aber wenn ich meinem Leseeindruck und dem Gespräch mit anderen Lesern glauben darf, dann wohl auch das, das am häufigsten halbgelesen beiseite gelegt wird.

Jonathan Franzen

Jonathan Franzen wurde 1959 in Western Springs / Illinois geboren, wuchs in Webser Groves/Missouri auf, einer Vorstadt von St. Louis. Im Jahr 1988 veröffentlichte er den Roman "The Twenty-Seventh City", 1992 einen zweiten, "Strong Motion". Für seinen dritten Roman, "The Corrections", in Amerika als literarische Sensation gefeiert und millionenfach verkauft, bekam er 2001 den National Book Award verliehen. Jonathan Franzen studierte eine Zeit lang in Berlin und München und lebt heute in New York. Auch sein Roman "Freiheit", im September 2010 erschienen, stürmt sofort nach Erscheinen die Bestsellerlisten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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