Jonathan Coe - Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim

Originaltitel: The Terrible Privacy of Maxwell Sim
Roman. DVA 2010
417 Seiten, ISBN: 3421044848

Am Valentinstag 2009 sitzt Maxwell Sim alleine in einem Restaurant in Sydney - Frau und Tochter haben ihn verlassen, und sein in Australien lebender Vater, mit dem er diesen letzten Abend verbringen wollte, hatte auch keine Lust ihn zu begleiten. Kann man noch einsamer sein? Man kann.

Beim Rückflug beginnt Maxwell ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn. Auch wenn ihm völlig klar ist, dass er diesen langweilt, kann er seinen langen Monolog über all das, was ihm in letzter Zeit widerfahren ist, doch nicht mehr stoppen. Auch wenn er bald so gar keine Reaktion mehr bekommt - kein Wunder. Der Nachbar ist still und leise einem Herzinfarkt erlegen…

Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist dann die Bekanntschaft mit Polly, die beim Weiterflug den Platz des Toten neben ihm einnimmt. Die junge Frau, die für eine Seitensprungagentur Flughafengeräusche aufzeichnet, gibt ihm am Ende sogar ihre Telefonnummer. Als moderner Mensch speichert man die natürlich auf dem Handy, nicht auf einem Blatt Papier. Und genau dieses Handy wird ihm dann ein paar Stunden später, als er, um den Weg in sein leeres Zuhause hinauszuzögern, noch im Park sitzen bleibt, von dem einzigen Menschen geklaut, der ihn in dieser Stunde überhaupt wahrzunehmen scheint. Dass er den jungen Mann gleich darauf wiedersieht, weil der den Weg zum Bahnhof nicht findet, und von Maxwell bereitwillig mit der Wegbeschreibung versehen wird - wen wundert es noch?

Zurück im leeren Haus - seine Frau war natürlich nicht, wie insgeheim erträumt, zurückgekommen - hört er seinen Anrufbeantworter ab, prüft seinen Facebookaccount, ob ihn nicht wenigstens hier jemand vermisst hat, freut sich kurz über 137 Mails, bevor er feststellt, dass es sich um Spam handelt. Zumindest bei 136 der Mails. Die eine andere ist von seinem alten Freund Trevor, der ihn treffen möchte.

Trevor hat dabei einen Hintergedanken. Für eine Promotionaktion braucht er noch einen vierten Mann - jemanden, der für eine neue Öko-Zahnbürste, die unter dem Motto "keine kommt weiter" verkauft werden soll, zu einem der vier entlegensten Orte des Landes reisen soll.

Und so macht sich Maxwell auf den Weg - immer schön langsam, mit vielen kleinen Zwischenstationen an Orten seiner Vergangenheit. Es wird eine Reise zu sich selbst; und wie Donald Crowhurst, von dessen Schicksal er während seiner Reise liest, fühlt auch er sich mehr und mehr abgeschnitten vom Rest der Welt, alleine dahindümpelnd auf einem endlosen Ozean.

Im Text eingebettet sind vier Schrifstücke, einmal der eben erwähnte Bericht über Donald Crowhurst, und jeweils eine Episode aus seinem Leben, die seine Exfrau, sein Vater und die Schwester seines früheren besten Freundes aus diversen (im Buch logisch begründeten) Anlässen verfasst hatten und die allesamt nicht für ihn zum Lesen bestimmt waren. Er erfährt dadurch eine Menge über sich selbst…

Das Problem mit ihm wäre gewesen, so seine Exfrau damals bei der Trennung, dass er ein Mensch sei, der sich selbst nicht leiden könne. Wie solle es dann anderen gelingen?

Wer schon einmal ein Buch von Jonathan Coe gelesen hat weiß, dass es nur wenig Zufälle gibt in seinen Büchern. Es hat alles einen Sinn, alles ist miteinander verknüpft, und am Ende bleiben keine losen Fäden zurück. Und so zufriedenstellend das auf der einen Seite für den Leser auch ist - gerade bei diesem Buch hätte ich mir vom Autor mehr Mut zur Lücke gewünscht.

Der Beginn ist fulminant. Umwerfend komisch, dabei von tiefer Melancholie, ich habe diesen einsamen Mann, der gar nicht so recht weiß, wie ihm eigentlich geschieht, richtig vor mir gesehen. Auch die Einbindung der modernen Kommunikationsmethoden, wie zB Facebook, fand ich ganz gut. Ein Glanzpunkt des Buches war die Schilderung, wie Maxwell auf ganz verdruckste Weise versucht, seiner Exfrau immer noch nahe zu sein - indem er auf der von ihr bevorzugten Internetplattform "Netmoms" als Frau auftritt und sich schrittweise mit ihr "angefreundet" hat. Auf diese Weise bleibt er über das Leben seiner kleinen Familie auf dem Laufenden, auch wenn ihm die Ausmaße seines Vertrauensbruchs selbst durchaus bewusst sind. Ebenfalls in wundervoller Peinlichkeit und Echtheit geschildert: ein Abendessen zwischen Vater und Tochter, das peinlich daneben geht, und bei dem beide wie nach einem Rettungsanker zu ihren jeweiligen Handys greifen, um lieber mit anderen als miteinander zu kommunizieren.

Aber ab der Hälfte etwa verlässt sich der Autor nicht mehr darauf, dass seine Figuren stark genug gezeichnet sind, auch mal Ungewissheiten auszuhalten, nicht jede ihrer Eigenarten mit Geschichten aus der Vergangenheit plausibel gemacht zu bekommen. Der typisch Coe´sche Drang zum Verknüpfen sämtlicher noch so kleiner losen Enden setzt ein; in den slapstickartigen Büchern wie "Allein mit Shirley" (immer noch mein Lieblingsbuch von ihm!) passt das gut. Aber hier ist der melancholische Unterton so wunderbar rausgearbeitet, gehen zumindest in der ersten Hälfte Humor und Ernsthaftigkeit eine so schöne Verbindung ein, dass ich über den weiteren Fortgang des Buches ein wenig traurig war, und das weniger, weil die Handlung mich so traurig gestimmt hätte.

Es ist nach wie vor ein unterhaltsames, gutes Buch, und als Leser hat man Freude und Spaß daran. Aber ein wenig bleibt mir das Gefühl einer Enttäuschung.

Jonathan Coe

Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren. Er ist heute ein Star der Londoner Literaturszene; sein preisgekrönter Roman "Allein mit Shirley" wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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