B.S. Johnson - Christie Malrys doppelte Buchführung

Originaltitel: Christie Malry´s Own Double Entry
Roman. Argon Verlag 2003
227 Seiten, ISBN: 3596155932

Einzahlungen, Entnahmen, alles muss seinen Gegenpart haben, alles das muss sich am Ende ausgleichen - darauf beruht die doppelte Buchführung, die Fra Pacioli schon in im fünfzehnten Jahrhundert schriftlich niedergelegt hat.

Christie Malry, der ursprünglich als Lehrling bei einer Bank zu arbeiten beginnen wollte, um in der Nähe des Geldes zu sein hatte auch rasch begriffen, dass Summen addieren nicht reicht; zumindest verstehen wollte er, warum kreditiert und debitiert wurde; also bildete er sich zum Buchhalter weiter, und hatte eines Tages, erbittert über eine Ungerechtigkeit, eine Tolle Idee: er würde das Prinzip der doppelten Buchführung auf die Widrigkeiten und ausgleichenden Gerechtigkeiten - so sie eintrafen - anzuwenden beginnen.

Er führt nun Buch - über den harschen Tonfall seines Vorgesetzten, über Gebäude, die ihm den Weg versperren, über die Gesellschaft, die seiner Freundin nicht die Chance gibt, die sie verdient - und bemüht sich nach Kräften, dem etwas entgegenzusetzen, sei es mit gestohlenem Büromaterial oder verschwundenen Briefen oder riesigen Bestellungen - aber all das reicht nicht, das Konto gerät mehr und mehr aus dem Gleichgewicht.

Und so beginnt er mit größeren Aktionen, mit Bombendrohungen, bastelt Molotow-Cocktails, vergiftet das Trinkwasser - und immer noch, trotz der unzähligen Toten, die daraus resultieren, hat die Gesellschaft eine große Schuld bei ihm offen...

"Christie Malrys doppelte Buchführung" ist ein im besten Sinne des Wortes eigenartiges Buch; sowohl inhaltlich als auch formal lässt es sich nicht in eine Schublade stecken.

Trotz der zum Teil selbst kreierten Fremdwörter, mit denen der Text durchzogen ist, wirkt die Geschichte auf den ersten Blick von einem naiven Gemüt erzählt; keine Hinterfragung der Handlungen, dafür auf formaler Ebene aber der Diskurs zwischen dem Protagonisten und dem Erzähler, die Einbeziehung des Lesers. Aber auch inhaltlich beginnt die Schere zwischen dem unbedarften Dahinplappern und der steigenden Aggression des Protagonisten immer weiter auseinanderzuklaffen, bis sie zur Frage führt: hat der Einzelne das Recht, das Konto der gegen ihn begangenen Ungerechtigkeiten auszugleichen? Und wer setzt den Wert fest?

Ein etwas anderer Roman - für alle jene empfehlenswert, die sich gerne auf das Spiel mit der Form einlassen wollen.

B.S. Johnson

Bryan Stanley Johnson (1933 - 1973), geboren und gestorben in London. Er war Dozent für englische Literatur am King´s College und Literaturredakteur. B.S. Johnson veröffentlichte fünf Romane, zwei Erzählbände sowie Lyrik. Darüber hinaus arbeitete er für Film und Fernsehen als Autor und Regisseur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©22.11.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing