Jens Johler - Gottes Gehirn

Originaltitel: Gottes Gehirn
Roman. Europa Verlag 2001
316 Seiten, ISBN: 3203785757

Wäre Eklunds Frau nicht vorzeitig von einem Ausflug zurückgekommen, hätte man von ihm wohl nur noch eine verkohlte Leiche vorgefunden. Und hätte nie den grausigen Fund gemacht, der seiner Frau bevorstand: ihrem Mann, dem Nobelpreisträger Eklund, hatte irgendjemand das Gehirn gestohlen.

Diese grausame Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Welt; aber Erklärungen oder Spuren zum Täter konnte niemand finden.

Natürlich hatte auch der Wissenschaftsjournalist Troller von dem Vorfall gehört und ergebnislose Spekulationen angestellt. Als sein Freund Kranich ihn also bat, zu einem seiner Vorträge zu kommen, weil er ihm danach noch etwas zu Eklund zu sagen hätte, ist seine Neugierde also groß. Aber Kranich kommt nicht zum verabredeten Ort. Am nächsten Morgen wird er tot aufgefunden.

Die wenigen Hinweise, die er Troller am Telefon noch gegeben hatte, lassen diesen anfangen, nachzuforschen. Eine Konferenz hatte Kranich erwähnt, die 1995 einberufen worden war: die bedeutendsten Wissenschaftler aller Sparten sollten sich für einige Jahre auf eine Insel zurückziehen, um ihre Erkenntnisse zu vereinen, über den begrenzten Rand der eigenen Vorstellung hinausgehen zu können. Aber das Projekt war damals kläglich gescheitert.

Von den 32 klugen Köpfen, die damals eingeladen waren, sind mittlerweile einige bereits gestorben. Auf sehr seltsame Weise, wie Troller feststellt - bei vielen wurde die Leiche entweder nie gefunden oder sie war so stark verstümmelt, dass nicht mehr festgestellt werden konnte, ob etwa auch andere noch ihres Gehirns beraubt wurden. Troller will herausfinden, was hinter diesen Todesfällen steckt. Gemeinsam mit der Journalistin Jane Anderson bricht er auf in die Vereinigten Staaten, um weitere Teilnehmer der Konferenz zu interviewen und so auf die Spur des seltsamen Verbrechers zu gelangen.

Die Gespräche, die sie mit den Wissenschaftlern führen, bringen ihnen erstaunliche Einblicke in eine Welt, die sie immer noch für Utopie gehalten hatten. Sprechende, denkende Roboter mit Humor, Mäuse, die als Zuchtstation für menschliche Ohren dienen, ein Affe, dem ein menschliches Gehirn eingepflanzt wurde - alles schon möglich. Und wieder gibt es Todesfälle - auch sie selber werden bedroht Irgendjemand weiß nicht nur, wonach sie suchen, sondern auch, wo sie als nächstes hinwollen; die Drohungen werden immer deutlicher.

Aber noch seltsamer verhält sich die Natur: plötzlich scheint alles schneller zu wachsen, scheinen die Tiere sich zu wehren… und Jane und Troller wissen, sie müssen sich beeilen, wenn sie diese Welt noch weiter erleben wollen…

Vom Grundgedanken her einer der spannendsten und interessantesten Thriller, die ich jemals gelesen habe. Wenn, ja wenn… wenn die Autoren nicht unbedingt noch diesen Extra-Schuss Dramatik dazugefügt hätten. Die Gespräche der Journalisten mit den Forschern sind so interessant, dass man sich ständig fragt: gibt es das? Ist das alles wirklich schon möglich? Und dann kommt der nächste Hammer, die Tiere, die ausbrechen, die Weltnachrichten, die sich plötzlich verändern - Schuldenerlass für alle Länder der dritten Welt, Frieden zwischen Israel und Palästina, eine neue Forschung, die von den Erfindern ganz selbstverständlich allen gratis zur Verfügung gestellt wird… und erinnern einen daran, dass es sich hier um keinen Tatsachenreport handelt, sondern um ein Buch.

Auch die sich anbahnende Romanze zwischen Jane und Troller ist etwas plump geraten; vor allem wenn man im Vergleich dazu die glänzend geschriebenen Gespräche mit den Wissenschaftlern heranzieht. Und wenn man am dramatischen Finale angelangt ist, ist jegliche Illusion von wegen "das könnte morgen schon hier passieren" vorbei.

Für mich wäre hier weniger entschieden mehr gewesen - aber ohne Zweifel ein sehr spannender Thriller. Und ein Autorenduo, das ich im Auge behalten werde.

Johler & Burow haben mit "Einsteins Kinder" bereits einen Roman gemeinsam verfasst. Mit "Gottes Gehirn" haben sie nun einen Wissenschafts-Thriller geschrieben, der vespricht, ein neues Genre der deutschsprachigen Spannungsliteratur zu begründen.

Jens Johler lebt als Schriftsteller in Berlin. Er ist Co-Autor von "Keine Nacht für Niemand - Die Geschichte der Ton Steine Scherben". Und er veröffentlichte u.a. die Romane "Ein Essen bei Viktorie" und "Der Falsche"

Olaf-Axel Burow ist Professor für Pädagogik an der Universität Kassel. Er schrieb diverse Sachbücher, darunter "Die Individualisierungsfalle" und "Ich bin gut, wir sind besser - Erfolgsmodelle kreativer Gruppen"

Jens Johler

Jens Johler, 1944 in Neumünster geboren und in Hamburg aufgewachsen, machte zunächst eine Ausbildung zum Schauspieler an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und war drei Jahre lang Schauspieler an den Städtischen Bühnen Dortmund. Danach studierte er Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin und war anschließend als wissenschaftlicher Assistent tätig. Seit 1982 ist er freier Autor und lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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