Jess Jochimson - Das Dosenmilchtrauma

Originaltitel: Das Dosenmilchtrauma
Erzählung(en). dtv Der TaschenbuchVerlag 2000
220 Seiten, ISBN: 3423203706

Bayern und Hippies - das ist eigentlich schon ein Widerspruch in sich. Schlimm ist es, wenn man dann als Kind ebendieser Hippies aufwachsen muss und dadurch in nichts eine normale Kindheit gewährleistet ist. Das arme Kind! Schon bei der Geburt vom Vater entsprechend begrüßt, muss es die Eltern "Eberhard" und "Renate" nennen, sie zu Ostern auf langen Spaziergängen in die Stadt hinein begleiten - mit einer ganzen Masse anderer Leute, die auch Betlaken mit sich trugen. Und auch Ökolatschen an den Füßen hatten, gebatikte Tshirts trugen und sich ganz allgemein seltsam benahmen.

Die Besuche der Großmutter waren da eine echte Abwechslung. Endlich jemand, der den Dritte-Welt-Kaffee nicht trinken konnte - und das Beste: sie brachte auch Dosenmilch mit. Dosenmilch, die das Kind öffnen durfte - welche Verantwortung ihm da übertragen wurde! Denn, was auch oft genug passierte - die Dosenmilchdose konnte auch von der verkehrten Seite angebohrt werden. Und dann war das Malheur groß: das Bärenmarkebärchen stand auf dem Kopf. Unerträglich!

Aber man war ja schließlich nicht nur dem Elternhaus ausgeliefert. Es gab ja auch noch die allseits bekannte Institution Schule, die ihr Scherflein zur Erziehung beitragen wollte. Unter anderem mit der Einübung eines Krippenspiels. Aber Theater in den 70erJahren musste auch an Schulbühnen politisch sein; außerdem brauchte auch noch jedes Kind eine Sprechrolle, schließlich wollten die Eltern ja auch etwas haben, worauf sie stolz sein konnten. So wurde eine denkwürdige Ausgabe des Krippenspiels über die Bühne gebracht, mit hochrealistischen Geburtsszenen, einem Jesuskind, das ständig "kauf mir was" schreit - und einem Engel, der plötzlich tatsächlich etwas zu verkünden hat.

Aber auch ein Hippiekind wird langsam erwachsen - und die Geschichten, die er zu erzählen hat, immer weniger lustig, auch wenn krampfhaft die Bemühungen weitergehen, alle Erzählungen auf eine Pointe hinzusteuern.

Jess Jochimson ist sicherlich ein guter Kabarettist, aber seine Geschichten wirken sicherlich besser, wenn er sie erzählt, als wenn man sie selber liest. Trotzdem: einige der Geschichten sind wirklich außergewöhnlich unterhaltsam - gute Strandlektüre!

Jess Jochimson

Jess Jochimsen wurde 1970 in München geboren. Er studierte Gemanistik und Politologie. Seit 1995 über 600 Gastspiele als Kabarettist auf allen bekannten Bühnen Deutschlands. Auf seiner Imponierliste stehen der "Deutsche Kabarett(Förder)Preis", das "Passauer Scharfrichterbeil" und der "Prix Pantheon". Zahlreiche Fernsehauftritte ua. im Scheibenwischer, Quatsch Comedy Club und bei RTL Samstag Nacht. Jess Jochimsen lebt in Freiburg und schreibt dort eine wöchentliche Zeitungskolumne. Das Dosenmilch-Trauma ist sein erstes echtes Buch.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©18.07.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing