Originaltitel: Waiting
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2004
336 Seiten, ISBN: 3423132108


China Mitte der 60er Jahre bis Ende der 80er - diesen Zeitraum umspannt der Roman des Exilchinesen Ha Jin. Und der Großteil dieser Zeit wird von den Hauptfiguren mit der titelgebenden Beschäftigung verbracht: mit Warten.
Lin Kong, Militärarzt in Muji, wurde von seinen Eltern gegen seinen eigenen Willen mit Shuyu verheiratet. Nach alter Tradition soll sie für seine alten, nun auch kranken Eltern sorgen, die nach wie vor auf dem Land leben. Aber auch nach dem Tod der Eltern holt Lin seine Frau nicht zu sich in die Stadt - obwohl das seine einzige Chance war, eine eigene Wohnung zugewiesen zu bekommen, nicht weiter mit drei anderen Männern in einem Zimmer leben zu müssen. Warum? Nur, weil er sie nicht liebt? Nein, hauptsächlich, weil er sich ihrer schämt. Nicht nur, dass Shuyu wesentlich älter aussieht als sie eigentlich ist; nein, es sind vor allem ihre Füße, die nach alter Tradition gebunden sind, was im heutigen China nicht mehr gerne gesehen wird.
Es gibt vieles, was im neuen, modernen China nicht gerne gesehen wird. Geschlechtliche Beziehungen zwischen Nichtverheirateten beispielsweise; als Lin sich mit der Krankenschwester Mana Wu anfreundet, ist es ihnen verboten, sich gemeinsam außerhalb des Klinikgeländes aufzuhalten. Wenn sie nicht unehrenhaft aus der Armee entlassen werden wollen, müssen sie sich den Auflagen beugen - und so wartet Mana Jahr für Jahr darauf, dass Lin bei seinem jährlichen Urlaub zu Hause die Scheidung von seiner Frau erwirkt.
Erst nach 18 Jahren kann er sich auch ohne ihre Zustimmung scheiden lassen - 18 Jahre, in denen Manas Status im Krankenhaus durch die Verbindung mit Lin gekennzeichnet ist, 18 Jahre, in denen sie einerseits als seine Verlobte gilt, andererseits als Schlampe, 18 Jahre, in denen immer wieder Versuche unternommen werden, sie mit anderen Männern zu verheiraten - 18 Jahre, in denen andererseits die einstigen Ideale langsam kapitalistischen Realitäten weichen, viele der alten Regeln sich ändern, und ihr Leben doch seltsam unberührt bleibt davon...
Ha Jin holt hier nicht erst lange aus, um uns die chinesische Gesellschaft nach der Kulturrevolution erst langsam erklärt - nein, er zeigt uns zwei exemplarische Lebensläufe anhand derer es dem Leser selbst möglich ist, die ungeheuren Eingriffe in höchst private Lebensbereiche in den gesellschaftlichen Kontext zu stellen.
Und gleichzeitig lässt er gerade durch die passive, wenig heldenhafte Vorstellung seiner Protagonisten auch erahnen, wie es überhaupt möglich sein kann, ein solches System am Leben zu erhalten. "Durch dein ewiges Zögern hast du dich selbst unglücklich gemacht. Ich habe über die Jahre mit Hunderten von Männern zu tun gehabt. Ich kenne deinen Typ. Ständig befürchtest du, dass man schlecht von dir denkt. Du möchtest dir ein aufrichtiges Herz bewahren. " (S. 182).
Die leichte Öffnung der Gesellschaft gegen Ende der 80er ist im Buch zwar auch festzustellen, wird aber nur vage angedeutet, denn zum späteren Zeitpunkt konzentriert sich das Geschehen stärker denn je auf das wartende Liebespaar - und auf Lin, der irgendwann merken wird, dass die Tatsache des Wartens ihn die ganzen Jahre hinweg daran gehindert hat sich klarzuwerden, ob er das, worauf er hier wartet, eigentlich haben will...
Schlicht und unprätentiös erzählt, versinkt man beim Lesen mit Lin gemeinsam in Melancholie und kann sich, zumindest in meinem Fall, eine derart rigide Kontrolle durch die Gesellschaft, die Partei, kaum vorstellen. Ein Buch, das mich für einige Stunden in einer fremde Welt entführt hat - und das ich gerne weiterempfehle.
Ha Jin, 1956 in der nordchinesischen Stadt Jinzhou geboren, verließ China 1985 und immigrierte in die USA. Er ist heute Professor für Englische LIteratur an der Boston University und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Boston. Nach zahlreichen Gedichten und zwei Erzählungssammlungen erschien 1998 die Novelle "Im Teich", 2000 der erste Roman "Warten", der mit dem National Book Award und dem Pen Faulkner Award ausgezeichnet sowie für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Nach einer weiteren Erzählungssammlung im Jahr 2000 (Ein schlechter Scherz) erschien zuletzt sein zweiter großer Roman "Verrückt".
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