Ha Jin - Verrückt

Originaltitel: The Crazed
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2004
330 Seiten, ISBN: 0099453592

Dass ausgerechnet Professor Yang einen Schlaganfall erleidet und pflegebedürftig im Krankenhaus liegt, hatte wirklich niemand erwartet. Schon gar nicht sein zukünftiger Schwiegersohn und eifriger Student, der auch gleich dazu eingeteilt wird, als nächster anwesender Angehöriger eine der Pflegeschichten zu übernehmen.

Nicht nur, dass diese Pflegedienste Jian entscheidend bei den Vorbereitungen für seine wichtige Prüfung behindern - was sein Professor von sich gibt, verstört den Studenten zutiefst.

Ganze Dialoge führt Yang mit Abwesenden, enthüllt dabei eine Geschichte, die sich nicht mit der deckt, die Jian vertraut ist; von den Verfolgungen während der Kulturrevolution erfährt er so, von einer Frau, die Yang sehr geliebt haben muss, von tiefen Gräben innerhalb der Familie.

Dass mittlerweile auch in seiner kleinen Stadt die Unruhen immer größer werden, dass Tausende Studenten nach Peking drängen - nicht, um wie er, dort endlich mit seiner Geliebten zusammen sein zu können, nein, um zu protestieren, um sich gegen die Kaderwirtschaft aufzulehnen, das bleibt ihm beinahe verborgen. Beinahe - denn dann holt die Geschichte ihn auf eine Weise ein, die er nicht für möglich gehalten hätte...

Ob ich mich für die Geschichte Chinas interessiere, vor allem für die Vorfälle, die 1989 zum Massaker am Tiananmen-Platz führten? Keine Frage! Das war auch der Teil dieses Romans, der mich wirklich gefesselt hat, auch wenn er für mich zu wenig Raum bekommen hat.

Aber ich hatte ein ganz grundlegendes Problem mit der ursprünglichen Konzeption dieses Romans. Diese kompletten Dialoge, die der Schlaganfall-Patient da von sich gibt, sind für mich so absurd, dass ich mich stellenweise richtiggehend geärgert habe. Entsprechend kam für mich auch die Geschichte viel zu zäh in Gang kommt und auch dann ewig nur auf der Stelle tritt.

Aber immer dann, wenn ich das Buch schon weglegen wollte, kam wieder ein Detail über Alltagsleben in China, über politische Entwicklungen, über die Art und Weise, wie man sich im System bewegen konnte, die mich genug gefesselt haben, um bis zum Ende durchzuhalten.

Mein Fazit: ein Roman, dessen eigentliche Geschichte mich zwar kalt gelassen hat, dessen politischer und geografischer Hintergrund aber so interessant sind, dass das Buch dennoch lesenswert bleibt.

Ha Jin

Ha Jin, 1956 in der nordchinesischen Stadt Jinzhou geboren, verließ China 1985 und immigrierte in die USA. Er ist heute Professor für Englische LIteratur an der Boston University und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Boston. Nach zahlreichen Gedichten und zwei Erzählungssammlungen erschien 1998 die Novelle "Im Teich", 2000 der erste Roman "Warten", der mit dem National Book Award und dem Pen Faulkner Award ausgezeichnet sowie für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Nach einer weiteren Erzählungssammlung im Jahr 2000 (Ein schlechter Scherz) erschien zuletzt sein zweiter großer Roman "Verrückt".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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