Tahar Ben Jelloun - Zina oder Die Nacht des Irrtums

Originaltitel: La Nuit de l´erreur
Roman. Rowohlt Verlag 1999
380 Seiten, ISBN: 3498006010

Zina ist kein normales Kind. Das spürt sie schon sehr früh - sie kann sich in ihre Wolkenwelt zurückziehen. Daß sie Unglück bringt, raunt man sich in der Familie von Beginn an zu; schließlich ist sie in der Nacht geboren, da ihr Großvater, ein wahrer Heiliger, starb.

In Tanger erlebt sie, das schöne Mädchen mit den aschfarbenen Augen, wie sie die Männer um den Verstand bringen kann, und wünscht sich doch nur, einen Menschen lieben zu können.

Nach einer demütigenden Nacht lebt sie ihren bösen Blick, ihre Macht, Männer zu verletzen aus - und läßt diese bitter büssen…

Ein sehr verwirrendes Buch.

Zu Beginn erlebt man die Kindheit Zinas, ihre Traumwelt, das Entdecken, daß nicht nur das Gute, sondern auch das Böse in ihr sehr ausgeprägt sind.

Bis zu dem Abend, als sie in der Nacht des Vergessens von mehreren Männern vergewaltigt wird, hat mir das Buch ganz gut gefallen.

Doch danach wird die Geschichte nicht mehr einfach erzählt - es gibt plötzlich einen Geschichtenerzähler, der Zinas Geschichte aus Heften erfährt, die sie ihm zukommen läßt. Und diese Geschichten sind höchst verwirrend; Grundlage ist jedoch immer, daß Zina die Männer in den Wahnsinn treibt.

Es sollte wohl auch alles zusammenhängen, einem größeren Ganzen dienen - doch durch die Aufhebung der Zeitgrenzen war es mir nicht möglich, dieses Ganze zu erkennen. Ich muß auch dazusagen, daß mir der Aufwand in diesem Fall zu groß schien; ich mußte mich oft zwingen, weiterzulesen.

Besonders gestört hat mich der häufige Wechsel, der Bruch im Erzählrhythmus. Kaum war man aus dem Lamentieren über die Geschichtenerzähler hinaus, endlich bekam die Erzählung etwas Schwung, fand man einen Faden - da bricht sie schon wieder ab.

Als dann, gegen Ende, auch noch Kommentare zu wichtigen zeitgeschichtlichen Problemen mühevoll eingebaut wurden - Jugoslawien und Salman Rushdie fallen mir dazu spontan ein - war ich nur noch genervt.

Normalerweise mag ich Bücher, die im Stil des Magischen Realismus geschrieben sind, wie bei Marquez oder Rushdie; aber dieses hier würde ich nicht noch einmal lesen.

Tahar Ben Jelloun

Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Fes, Marokko, geboren. Er studierte Philosophiee in Rabat und Psychologie in Paris, wo er seit 1971 lebt. Für seinen Roman "Die Nacht der Unschuld" erhielt er 1987 den "Prix Goncourt".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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