Javier Marias - Die sterblich Verliebten

Originaltitel: Los Enamoramientos
Roman. S. Fischer Verlag 2012
432 Seiten, ISBN: 3100478312

Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der - fast schon überraschend - nach seiner Trilogie "Dein Gesicht morgen" im Februar erschienen ist, steht dieses Thema im Vordergrund.

Maria, eine Frau Mitte Dreißig, pflegt jeden Morgen in einem kleinen Cafe in der Nähe ihres Arbeitsplatzes zu frühstücken. Und jeden Morgen beobachtet sie dort ein Paar, das für sie zum Exempel einer perfekten Beziehung wird. Sie sieht dieses Paar immer im Gespräch, sie lachen, sind sich so offensichtich zugetan, dass Maria die Begegnung mit ihnen morgens als guten Auftakt für ihren Arbeitstag bald genauso braucht wie einen starken Kaffee.

Umso seltsamer findet sie es, dass von einem Tag auf den anderen das Paar einfach nicht mehr auftaucht. Erst Wochen später erfährt sie, dass der Mann auf dem Gehweg brutal erstochen wurde, es stand in der Zeitung, sie hatte das Bild sogar gesehen, aber nicht mit diesem lebendigen, distinguierten Herrn in Verbindung gebracht.

Die Geschichte beschäftigt sie - und als Luisa, die Frau des Ermordeten, noch einmal im Cafe sitzt, lange Zeit später, spricht Maria sie an. Durch Luisa lernt sie auch beiläufig Javier kennen, einen alten Freund der Familie; als sie ihn etwas später zufällig wieder trifft, erliegt sie rasch der Faszination seines guten Aussehens und eloquenten Beredsamkeit. Sie weiß, für ihn ist sie nur eine Zwischendurchfrau, so wie auch sie einen Mann in der Hinterhand hat, den sie nicht liebt. Javier hat von Beginn an kein Geheimnis daraus gemacht, dass es eine Frau in seinem Leben gibt, die er mit Beharrlichkeit und Geduld zu gewinnen hofft: Luisa, die Witwe seines ermordeten besten Freundes.

Alles ändert sich, als Maria eines nachmittags in Javier´s Bett erwacht, und merkt, dass dieser unerwarteten Besuch erhalten hat. Sie belauscht das Gespräch und fühlt sich fortan nicht mehr sicher - kann es wirklich sein, oder ist es nur die Imagination eines Nachmittags, dass Javier hinter dem Mord an seinem besten Freund steckt?

Der Verlag verkauft diesen Roman als "Psychothriller": Wer wirklich einen Thriller lesen will, wird vermutlich nach spätestens 50 Seiten entnervt das Buch zur Seite legen und den Kopf über die Schubladen schütteln, in die Bücher manchmal gesteckt werden sollen. Zwar gibt es in diesem Roman einen Toten (wie auch in den meisten anderen Büchern von Marias), und es wird mit den Möglichkeiten von Verbrechen und der Motivation dahinter gespielt. Aber spannend in dem Sinne, dass man nun unbedingt wissen will, wer es war, oder warum - diese Erwartung würde hier bitter enttäuscht. Dem steht schon alleine eine stilistische Eigenart des Autors entgegen: er ist unglaublich geschwätzig. Schon bei "Mein Herz so weiß" konnte das Rühren eines Teelöffels 10 Seiten in Anspruch nehmen, und die ausschweifende Erzähllust ist seither nicht geringer geworden.

Das muss man mögen, wenn man diesen Autor liest. Oder aber man lässt es bleiben. (Und hätte ich nicht seit Jahren eine derartige Schwäche für Marias, dann würde ich vielleicht auch angesichts der doch manchmal etwas ermüdenden Wiederholungen zum Abbruch der Lektüre neigen). Ich mag es. Ich mag die Art, wie Marias einen Gedanken in alle Richtungen spinnt und dabei mit Bezügen zu anderen literarischen Werken nicht gerade sparsam umgeht. Ich mag es, wenn er philosophische Fragestellungen mit leichter Hand durchdekliniert. Ich mag es auch, wenn er zwischendurch noch ein wenig Spott für die Eitelkeit von Autoren übrig hat.

Trotzdem kann ich nicht umhin zu bemerken, dass der Plot eben sehr konstruiert ist. Es gibt einige Wendungen, die sehr unvermittelt aus den Gedankenströmen der Figuren heraus entwickelt werden - und dann plötzlich als Realität vorausgesetzt werden. Es gibt gerade zu Beginn der zweiten Hälfte deutliche Schwächen darin, den roten Faden nicht aus den Augen zu verlieren. Der Beginn ist großartig - und soweit ich das erfahren habe, entspricht er einer wahren Geschichte, es gab ein Paar, das wirkte wie das ideale Paar, der Mann wurde ermordet, der Rest ist Fiktion. Marias hat auch überlegt, den Roman gar nicht zu veröffentlichen, ich denke, er weiß um die Schwächen des Buches.

Aber am Ende führt er doch wieder vor, wie souverän er Fäden zu verknüpfen weiß. Und auch wenn ich "Die sterblich Verliebten" für kein Meisterwerk halte, habe ich mich großteils sehr gut amüsiert und werde auch zukünftig mit Freude auf die Ankündigung reagieren "ein neuer Mariàs erscheint!".

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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