Fattaneh Haj Seyed Javadi - Der Morgen der Trunkenheit

Originaltitel: Bamdade Chomar
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
414 Seiten, ISBN: 3518398997

Warum sollte sie nicht den Mann heiraten dürfen, den sie liebte? Sudabeh wehrt sich gegen ihre Eltern, die gewichtige Einwände gegen diese Liebesheirat haben - der Auserwählte wäre nun mal nicht standesgemäß. Aber das war gar nicht das gewichtigste Argument: nicht, dass er aus einer andere gesellschaftlichen Schicht stamme, würde ein glückliches Zusammenleben so erschweren, sondern sein fehlendes Interesse an allem, was Sudabehs Leben bislang geprägt hatte; Literatur, Studium, Kunst - das alles würde sie für ihn aufgeben.

Da erinnert sich Sudabeh an die ihre Tante; diese hatte doch auch schon, in ihrer Jugend, eine nicht standesgemäße Liebesheirat schließen dürfen! Und ihrem Urteil würde sie sich auch unterwerfen, verspricht sie. Also beginnt Mahbube zu erzählen - von der Zeit, als sie und ihre Schwestern erwachsen wurden.

Mahbube war attraktiv; an Heiratsbewerbern fehlte es nicht. Und ihre Eltern drängten sie auch nicht; sie musste den Prinzen nicht wählen, obwohl es eine sehr vorteilhafte Partie gewesen wäre, und auch sonst genoss sie eine Menge Freiheiten. Diese Freizügigkeit war es auch, die sie erstmals mit dem jungen Tischler Rahim in Berührung brachte; ein Geselle war er bloß, aber dieses Haar! Diese Augen! Und obwohl ihr die Unschicklichkeit ihres Handelns durchaus bewusst war, wählte sie fortan häufiger den Weg durch die Gasse, die an seiner Werkstatt vorbeiführte.

Dann kam die Zeit, als ihre Eltern keinen Grund mehr sahen, den Bräutigam abzulehnen. Mahbubes Cousin, Mansur, hielt um ihre Hand an - und diesmal wird ihr Nein nicht akzeptiert. Erst Mansur selbst, dem sie von ihrer Liebe zum Tischler erzählt, erlöst sie von der Aussicht, eine ungewollte Ehe einzugehen. Doch nun fängt die Tortur erst an. Der Standesunterschied wird ihr vorgehalten, seine Unfähigkeit, ihr den gewohnten Standard zu bieten, die Unschicklichkeit, die Schande - doch nichts kann sie von ihrem Vorhaben abhalten. Ihr Verfall, ihre Ausdauer geben schließlich den Ausschlag: ihr Vater kauft ein kleines Haus in der Stadt, kauft einen eigenen Tischlerladen für Rahmin, und lässt seine Tochter heiraten. Kein Vergleich mit den festlichen Zeremonien, die bei der Hochzeit ihrer Schwester gefeiert wurden; keine Segenssprüche des Vaters. Nur zwei Versprechen gab er ihr mit: Dass sie nie an den Mann gefesselt sein möge, den sie da heirate - und dass sie sein Haus nicht mehr betreten dürfe, solange sie es wäre.

Doch anfangs ist Mahbube glücklich. Glücklich, obwohl jetzt keine Dienerin mehr da ist, die das Essen bereitet, die das Geschirr spült, die das Haus sauber hält. Anfangs ist Rahmin noch voller Aufmerksamkeit, lässt nicht zu, dass die zarten Hände seiner Frau mit solchen Tätigkeiten belastet werden.

Doch langsam gewöhnt er sich daran, dass monatlich Geld ins Haus gebracht wird, vernachlässigt seine Arbeit - und vor allem: lässt seine Mutter beim jungen Paar einziehen. Und spätestens ab jetzt wird Mahbubes Leben zur Hölle, aus der sie erst Jahre später entkommen kann...

"Der Wein der Nacht ist nicht den Morgen der Trunkenheit wert" - diesem Zitat verdankt das Buch seinen Namen, und es wird ihm auch von Anfang an gerecht; der Rausch der Verliebtheit, der sich auf nicht mehr als betäubende körperliche Anziehungskraft gründet, reicht nicht aus, um darauf ein Leben lang zu bauen; am nächsten Morgen erwacht man mit Kopfschmerzen und bereut.

Gerade die erste Hälfte des Romans ist wunderbar zu lesen; detailliert wird hier ein Leben geschildert, wie es mir als Europäer einerseits sehr fremd ist, andererseits aber auch viel weniger fremd, als man vermuten würde. Die religiösen Vorschriften, die Verschleierung, die Rolle der Frau - als Leser, vor allem als wenig informierter Leser, erhält man hier eine Facette präsentiert, die man aus Mangel an Anlass selten überdenkt.

Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn die Autorin darauf verzichtet hätte, Rahmin dann noch alle Klischees erfüllen zu lassen, ihn eine Zweitfrau halten zu lassen, auch körperlich brutal zu werden; das Ausmaß an Leid, das Mahbube noch unter ihm zu erdulden hat, war für mich, für einen Roman, zu groß - ein wenig mehr Subtilität hätte die Wirkung auf mich erhöht.

Aber davon abgesehen, ist "Der Morgen der Trunkenheit" ein großartiger Liebesroman, kraftvoll erzählt und eben auch durch die für uns exotische Kulisse sehr interessant.

Fattaneh Haj Seyed Javadi

Fattaneh Haj Seyed Favadi, geboren 1945 in Shiraz, lebt in Isfahan. Mit dem "Morgen der Trunkenheit" schrieb sie einen Roman, der nach seiner Veröffentlichung 1995 in Iran zum größten Bestseller der letzten Jahre geworden ist.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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