Jan Faktor - Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

Originaltitel:
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2010
636 Seiten, ISBN: 3462041886

Hodensack-Bimbam - na, wenn das nicht schon nach einer Geschichte klingt, in der Sex auf eine derbe Weise eine Rolle spielt. Erotik in der Literatur - ja, gerne. Aber zotige Anspielungen und derbe Witze sind einfach nicht mein Fall. In diese Richtigung hatte ich das Buch anhand des Titels eingeordnet - und ganz falsch lag ich damit auch nicht, auch wenn ich rasch feststellen konnte, dass mehr dahinter ist. Soviel mehr, dass ich die immerhin über 600 Seiten dann tatsächlich bis zum Ende gelesen habe.

Gerade zu Beginn schwelgt der Autor in Gerüchen, Körpersäften, den klebrigen Absonderungen vieler Jahre Küchendüfte auf den Oberflächen - es hat bei mir ein Gefühl des Besudeltseins hinterlassen, den Wunsch nach einer reinigenden Dusche, und es mir nicht unbedingt leicht gemacht, den dicken Roman gerne wieder zur Hand zu nehmen. Aber gleichzeitig war da eben schon auch zu merken, dass da mehr ist in diesem Roman, dass hinter dem exzessiven, lustvollen Wühlen im Ekel ein sehr genauer Beobachter versteckt ist.

Georg, der Ich-Erzähler dieser langen sexgeschwängerten Geschichte, wächst in den fünfziger Jahren in einer großen Prager Wohnung auf, die außer von ihm und seiner Mutter von unzähligen Tanten bewohnt wird. Der Grund dafür wird ganz lakonisch benannt: aus den KZs kamen eben eher die Frauen als die Männer zurück. Georgs Mutter ist eine ausgesprochen schöne, sinnliche Frau mit wechselnden Liebhabern; sie spricht 6 Sprachen, so wie auch die anderen neben Tschechisch noch mindestens des Deutschen mächtig sind. Die Mutter arbeitet bei einer Zeitschrift, die großen Denker der Zeit sind häufige Gäste und werden von Georg, der sie als Kind nur dem Vornamen nach kannte, erst später in ihrer Bedeutung erkannt.

Neben all dem Suhlen in den weiblichen Ausdünstungen des Haushalts und den Auswirkungen auf Georg ist dieser aber auch ein sehr genauer Beobachter und (als Alter Ego des Autors) hervorragend in der Lage, diese Eindrücke so lebendig wiederzugeben, dass ich als Leser eintauchen kann in die Zeitspanne zwischen den späten Fünfzigern bis weit in die Siezbizger. Das Buch reicht zwar noch weiter, aber diese Zeitspanne wird am intensivsten geschildert.

Eingebettet in die Erzählungen von Kinderstreichen, von Banden und ihren Abenteuern in den damals noch existierenden Hinterhöfen und auf der Straße entsteht ein Bild davon, wie in Prag gelebt wurde zu dieser Zeit. Klar, es gab Wohnungsnot (auch die große herrschaftliche Wohnung von Georgs Frauenclan ist mit schweren,nicht zueinander passendenMöbeln von geflüchteten Deutschen möbliert und durch schreckliche bunte Vorhänge unterteilt), vieles war nicht erhältlich, aber es war eine Zeit des Aufbruchs. Die Zensur wurde immer lockerer, und Georgs Mutter brachte allwöchentlich den Spiegel mit nach Hause, die erste Übung für Georg, die unterschiedliche Betrachtungs- und Bewertungsweise von Geschichte zu studieren. Später, nach 68, war die Belegschaft der Zeitung in alle Richtungen zerstreut, die einen waren geflüchtet, andere schlugen sich mit Putzjobs durch. Eine der denkwürdigsten Stellen in diesem Roman war für mich zum Beispiel die Passage, als der blinde Denker Klaudius mit seinem Gefolge (unter ihnen der ehemalige Chefredakteur, der das Fensterputzzeug geschultert mittrug) sich über die Bedeutung der Figur Schwejik ausließ. Unterrichten durfte er ja nicht mehr, aber auf diese Weise wurde die unterdrückte intelektuelle Diskussion weitergeführt.

In späteren Jahren versucht Georg sich von seiner Mutter zu lösen, arbeitet auch einige Jahre in den slowakischen Bergen als Lastträger, bis ihre Erkrankung ihn zurückzwingt.

Für mich ist der Roman an den Stellen, die die persönlichen Bindungen und Abnablungsprozesse zwischen Georg und seiner Familie beschreibt eher mittelmäßig gelungen. Es sind dies die Stellen, die am meisten von der manchmal manisch erscheinenden Besessenheit von Gerüchen und Ausscheidungen durchsetzt sind; und durch die sprunghafte Erzählform blieb mir beim Lesen manchmal auch eine gewisse Ratlosigkeit, worau der Autor denn nun eigentlich hinaus wolle, wozu ich viele der Einzelanekdoten denn eigentlich erzählt bekomme. In gewisser Weise ist es schon klar; so gehört der Vater eben nun mal zu seiner Biographie, so wie auch die vielen Tanten. Aus autobiographischem Standpunkt also durchaus nachvollziehbar, aber für einen Roman wäre meines Erachtens manchmal ein bisschen mehr Zielgerichtetheit nicht schädlich gewesen. Ja, für mich hätte das Buch gut seine 200 Seiten weniger haben können, es hätte meine Lesefreude deutlich erhöht.

Aber dann gab es da ja die vielen anderen Stellen, die mich für die detailierten Beschreibungen der Körpersaftwege entschädigt haben. Wie schon zu Beginn erwähnt: der Erzähler ist ein ungemein genauer Beobachter. Über Georg liest man irgendwann, dass er seine Umwelt damit vor den Kopf stieß, dass er so exakt zu beschreiben wusste, dass ihm zum Beispiel die Körperhaltung, die vielen kleinen Ticks, die jeder von uns hat, sehr deutlich auffielen. Und das merkt man auch in diesem Buch: es ist ungemein stimmig, weil es durch die Fülle an Kleinigkeiten so lebendig wirkt. Der Biographie des Autors kann man entnehmen, dass er vieles aus eigener Erfahrung kannte, er war zu der Zeit in Prag aufgewachsen.

Für alle Leser, die es lieben, durch Bücher auf andere Autoren und Romane aufmerksam zu werden, sei hier noch erwähnt, dass man eigentlich gar nicht anders kann als nach Jan Faktor irgendwann einmal zu Bohumil Hrabal zu greifen. Georg beschreibt die Wirkung, die der Autor auf die Leserschaft hatte, den Einfluss, den sein Sprachgefühl auf die Entwicklung des Tschechischen hatte, und auch von der Enttäuschung, weil am Ende auch dieser Autor nicht mehr das schreiben darf, was er möchte.

Kurzum, ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben. Wer gerne Zeitgeschichte in Romanform aufbereitet liest, wird an diesem Buch eine Menge über den Prager Frühling erfahren und sicher seine Freude daran haben.

Jan Faktor

Jan Faktor, 1951 in Prag geboren. Studium der EDV abgebrochen. Verschiedene Arbeitsverhältnisse in Prag und in der Slowakei. Fernstudium. In Prag als Programmierer tätig. 1978 Übersiedlung zu seiner Frau nach Ostberlin. Arbeit als Kindergärtner, Schlosser, Übersetzer. Bis 1989 fast ausschließlich in der alternativen Literaturszene engagiert. Jan Faktors experimentelle Texte aus dieser Zeit erschienen 1989 in einem Band beim Aufbau Verlag. 1989 wurde Faktor Mitglied des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie. In den 90er Jahren brachte der Verlag Gerhard Wolf Januspress seine Arbeiten heraus.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©20.11.2010 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing