Henry James - Das Durchdrehen der Schraube

Originaltitel: The Turn of the Screw
Roman. (englischsprachiger Verlag) 1898
98 Seiten, ISBN: 3423128984

Mit Geistergeschichten unterhält sich eine Abendgesellschaft - bis einer der Gäste eine Geschichte erwähnt, die wirklich passiert ist und so schrecklich sei, dass man den Horror kaum ertragen könne. Aus erster Quelle sei ihm diese Geschichte bekannt - aus der Feder der Gouvernante, die der Fall betraf. Und um dem Drängen der Gesellschaft nachzugeben, lässt der Gast nach der Geschichte schicken und liest sie abends am Kamin vor.

Es ist die erste richtige Stelle, für die die junge Pfarrerstochter sich bewirbt. Zwei Kinder auf einem Landgut zu erziehen und unterrichten erscheint ihr als Aufgabe nicht zu groß - aber ihre Wahrnehmung ist von der Gestalt des Vormunds ohnehin geblendet. Auch der Umstand, dass dieser nicht mit Problemen, die Kinder betreffend, behelligt werden möchte, schreckt sie nicht ab - schon das Vertrauen, das er in sie setzt, ist ihr in ihrer Schwärmerei Lohn genug.

In Bly angekommen, lösen sich ihre Befürchtungen ohnehin rasch auf; Flora, ihr Schützling, ist ein bildhübsches, artiges Mädchen, und die Haushälterin, deren Vorgesetzte sie so plötzlich wird, scheint dankbar, endlich wieder die Verantwortung abgeben zu können.

Auch der Junge, Miles, der einige Tage später aus der Schule nach Hause entlassen wird, bietet einen bezaubernden Anblick. Seine überaus guten Manieren lassen den Brief, der von der Schule kam, noch absurder klingen: Miles, so steht darin, dürfe nicht mehr an die Schule zurück, sein Verhalten wäre untragbar.

Eine schwierige Aufgabe für eine so junge, unerfahrene Gouvernante. Aber es sollte noch schlimmer kommen: zwei fremde Gestalten begegneten ihr an den seltsamsten Stellen auf dem Landgut, und werden von der Haushälterin nach ihrer Beschreibung rasch als Quint und Ms Jessel identifiziert. Doch können die beiden gar nicht mehr hier sein - sie sind beide tot.

Endlich erzählt die Haushälterin dann auch die Geschichte der beiden; von Quint, der einen schlechten Einfluss hatte, von der früheren Gouvernante, die ihm hörig war, obwohl er nicht standesgemäß war; und sie erzählt auch von der intensiven Beziehung, die gerade Quint zu Miles unterhalten hätte.

Die Gouvernante fühlt die Bedrohung für ihre Schützlinge - eine dunkle Macht will die Herrschaft über die beiden reinen Wesen gewinnen, und sie muss sie davor beschützen...

Was es mit dieser Geschichte auf sich hat, ob die Geister reale Erscheinungen waren, ob es die Geschichte einer sexuellen Frustration, Missbrauchs, Religiosität ist - es gibt unzählige Interpretationen dazu, ich werde hier also keine weitere anfügen. Aber wer sich der Diskussion anschließen möchte - im LESELUST-Forum wurde das Buch gemeinsam gelesen und versucht, einige Deutungsansätze zu finden.

An dieser Stelle sei hingegen mehr dazu gesagt, wie viel Vergnügen es heute bereitet, diesen Klassiker zu lesen. Um es kurz zu machen: ohne den Versuch, einen Subtext zu finden, ohne Interpretation und Berücksichtigung des historischen Kontextes bleibt vor allem eine aus heutiger Sicht lächerliche Geistergeschichte übrig. Richtige Spannung kommt kaum auf, erst gegen Ende gewinnt die Erzählung langsam an Tempo.

Was mich allerdings am meisten gestört hat, waren die unheimlich komplizierten Sätze (vielleicht hätte ich es aber auch einfach nicht auf Englisch lesen sollen) und die umständliche Erzählweise der Gouvernante. Jeden Abschnitt mit langen Ausführungen darüber zu beginnen, warum sie eigentlich gar nicht aufschreiben könne, was passiert sei, weil es zu schrecklich wäre, weckt im Leser natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, die nicht bedient wird. Zudem war mein Bedürfnis groß, ihr zuzurufen "wenn du es nicht erzählen kannst - dann lass es doch einfach!"

Henry James

Henry James (1843 - 1916)

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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