P. D. James - Was gut und böse ist

Originaltitel: A Certain Justice
Krimi. Knaur Verlag 1997
548 Seiten, ISBN: 3426616890

Venetia Aldridge, soviel erfährt man schon auf der ersten Seite, hat nur noch ganz kurz zu leben. Und man erfährt im selben Atemzug, dass sie wohl ermordet werden würde.

Aber von wem? Venetia war eine excellente Juristin, als solche weit über ihre Kanzlei hinaus geschätzt. Aber als Mensch? Hier kannte sie kaum jemand, für sie zählte immer nur die Karriere. Und ein Motiv hatte nicht nur Ashe, der Verlobte ihrer immer vernachlässigten Tochter Octavia, dem sie gerade erst zu einem Freispruch in einem Mordfall verholfen hatte, obwohl sie selbst von der Schuld des Angeklagten überzeugt war.

Der Kanzleivorstand sollte in den Ruhestand treten - und sie war nicht die einzige Kandidatin für diese Position. Mit ihrem Aufstieg würde sich in der Kanzlei vieles ändern; einige Personalentscheidungen waren ausständig.

Und dann erfährt sie am Tag ihres Mordes auch noch eine empörende Machenschaft ihres Mitanwalts in der Kanzlei, Simon Costello - der sich gerade mit dem Kauf eines Hauses schwer überschuldet hatte - eine Mitteilung, die dessen Karriere wohl für immer ruinieren könnte.

Adam Dalgliesh und sein Team forschen noch weiter; welchen Grund hatte zum Beispiel die grausame Inszenierung der Leiche? Man fand sie an ihrem Schreibtisch, erstochen, mit einer Anwaltsperücke auf dem Kopf, die mit fremdem Blut übergossen war.

Je länger nach Motiven gesucht wird, umso mehr stellt sich heraus, dass Venetia zwar als blendende Juristin sehr geschätzt, als Mensch jedoch kaum in Erscheinung getreten war, kaum Freunde hatte. Fast jeder in ihrer Umgebung hegte einen versteckten Groll gegen sie, von der Reinigungskraft über den Kanzleivorsteher zu ihren Partnern, ihrem Exmann, ihrem Liebhaber - und natürlich den Verlobten ihrer Tochter.

Endlich kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus, der sowohl Motiv als auch die Gelegenheit hatte - und dann passiert ein zweiter Mord....

Der Einstieg in diesen Krimi war einfach phantastisch. Von Anfang an ist bekannt, dass Venetia bald sterben wird - und keines natürlichen Todes. Man lebt noch 4 Wochen mit ihr mit, wird selbst Zeuge des einen oder anderen Motivs. Und kombiniert als erfahrener Krimileser messerscharf mit: ja, dieses Motiv wäre zu offensichtlich, das wäre zu einfach, da steckt bestimmt etwas anderes dahinter.

Eine wirklich geniale Idee!

Leider wird dieses Buch aber nach dem Mord immer mehr zum "normalen" Krimi - immer noch wirklich gut, aber im Vergleich zum Anfang doch etwas enttäuschend.

Es werden zu viele potentielle Mörder vorgeführt, und deren Spuren verlaufen irgendwann alle im Sand. Zudem finde ich es bis zum Schluss komisch, dass der Zeitpunkt zwischen Schändung und Mord erst einige Stunden auseinanderzuliegen schien, um sich dann auf vielleicht eine halbe Stunde zu beschränken.

Und es war etwas langatmig. Irgendwann konnte ich es einfach nicht mehr lesen, wie das Wohnzimmer jedes einzelnen Verdächtigen aussah. Vor allem, weil keine der beschriebenen Einrichtungen mich auch nur im Mindesten angesprochen hätte.

Aber trotz dieser kleinen Mängel - ein sehr lesenswerter Krimi, in dem die Absurdität, die das Rechtssystem manchmal verkörpert, sehr klar dargestellt wird.

P. D. James

Phyllis Dorothy James, seit 1991 Baroness James of Holland Park, wurde 1920 geboren. Da ihr Mann unheilbar krank aus dem Weltkrieg zurückkehrte, musste sie für sich und die beiden Töchter selbst sorgen. Erst nach langen Jahren in der Krankenhausverwaltung und in der Kriminalabteilung des Innenministeriums konnte sie sich ab 1962 der Schriftstellerei widmen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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