Kazuo Ishiguro - Als wir Waisen waren

Originaltitel: When We Were Orphans
Roman. Knaus Verlag 2000
349 Seiten, ISBN: 381350168X

Als 10jähriger wird Christopher Banks von Shanghai weggeschickt, zu einer Tante in England; nur solange, bis seine Eltern gefunden wären, heißt es.

20 Jahre später gibt es immer noch keinen Hinweis darauf, wo sie geblieben sein könnten. Doch Christopher ist mittlerweile in England ein berühmter Detektiv geworden, so, wie er es sich seit dem Verschwinden der Eltern erträumt hatte.

Und nun ist die Zeit reif; er kehr heim nach Shanghai, um die Suche wieder aufzunehmen. Doch die Stadt seiner Kindheit ist kaum wieder zu erkennen; während die Engländer in den Hotels des International Settlements feiern, können sie das Feuerwerk der japanischen Granaten beobachten.

Kein leichter Ausgangspunkt, um so weit in die Vergangenheit zurück zu gehen. Doch Christopher hat einen Ausgangspunkt: Opium. Hier, das spürt er mit eindringlicher Klarheit, liegt die Wurzel für all das, was damals passiert ist...

Es ist unbestreitbar, dass Kazuo Ishiguro ein absoluter Meister darin ist, seine Protagonisten Rückschau halten zu lassen. Wenn Christopher Banks sich an seine Kindheit zurückerinnert, oder aber sich mit Freunden über vergangene Zeiten unterhält und dann Dinge erfährt, die ihn empören, weil er doch nie ein Außenseiter war, nie ein Sonderling - und man beim Lesen doch spürt, wie sehr er sich bemüht haben muss, genau diesen Außenseiterstatus zu vermeiden, und wie wenig es ihm gelungen ist - dann ist der Autor in seinem Element.

Leider trägt das nicht das ganze Buch. Denn der eigentliche Handlungsrahmen dieses Roman ist äußerst schwach und unglaubwürdig. Christopher Banks als Detektiv bleibt seltsam farblos - was geschildert wird, ist ein Mann mit Lupe, der kurz vor einem Teich in die Knie geht und wenige Tage danach eine Lösung präsentiert; und die Motivation der Entführung in Shanghai steht für mich auch auf ausgesprochen schwachen Beinen -aber ich will dem Leser nichts vorwegnehmen.

Ein wunderbarer Lichtblick ist aber noch zu finden: die distanzierte, eigentümliche Romanze mit Sarah Hemmings, die in einem uneleganten Kuss gipfelt.

Einem Autor wie Kazuo Ishiguro, der mit "Was vom Tage übrig blieb" wirklich ein Meisterwerk geschaffen hat, verzeiht man auch die Schwächen dieses Romans - der Leser hofft auf Besserung beim Nächsten.

Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, kam im Alter von sechs Jahren nach England. Er studierte Anglistik und Philosophie und war danach eine Zeitlang als Sozialarbeiter tätig. Kazuo Ishiguro lebt mit Frau und Kind in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©25.03.2000 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing