Kazuo Ishiguro - Damals in Nagasaki

Originaltitel: A Pale View From the Hill
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1982
216 Seiten, ISBN: 3442727383

Wegzugehen in ein fremdes Land, mit einer völlig fremden Kultur, einer fremden Sprache ist immer ein Einschnitt, der einen Teil der Wurzeln für immer zerstört.

Etsuko war diesen Weg gegangen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Keiko war sie einige Jahre nach dem Krieg weggegangen; hatte ihren Mann verlassen, um mit einem Ausländer zusammen zu leben. Niki, die Tochter aus dieser Beziehung, wurde bereits in England geboren - ohne die Probleme, mit denen Keiko zu kämpfen hat.

Keiko ist tot. Nachdem sie sich immer mehr von der Familie zurückgezogen hatte, ausgezogen war, hatte sie sich eines Tages erhängt. Niki war nicht am Begräbnis; aber als sie nun ihre Mutter für ein paar Tage besucht, merken beide, dass Keikos Zimmer immer noch ein unangenehmes Gefühl in ihnen hervorruft. Niki kommt in den Gesprächen immer wieder auf den großen Schritt zurück, den ihre Mutter damals unternommen hatte; und Etsuko quält sich in Träumen und Gedanken mit ihren Rückblicken - auf damals, in Nagasaki.

Ihre Familie hatte sie verloren. Nagasaki hatte sich verändert nach dem Krieg; früher wäre es undenkbar gewesen, dass sie mit ihrem Mann alleine in einer Wohnung gelebt hätte - ohne den Vater ihres Mannes. Dieser kommt nur auf Besuch; er kommt mit vielen Neuerungen nicht zurecht. Nicht mit den neuen Gedanken, mit der Amerikanisierung der Gesellschaft, des Schulsystems. Jiro, Etsukos Mann, reagiert auf die vielfältigen Aufforderungen des Vaters, seine Ehre auf die konventionelle Weise zu verteidigen, mit Hinhalten; aber was Etsuko am meisten beschäftigt, ist die Frau, die mit ihrer Tochter in die kleine Hütte am Flussrand gezogen ist.

Eine seltsame Frau; die alten Konventionen scheinen ihr gleichgültig zu sein, sie hat eine Beziehung zu einem Amerikaner, der ihr versprochen hat, sie nach Amerika mitzunehmen. Ihre Tochter leidet ganz offensichtlich an der Situation; sie läuft weg, erwähnt immer wieder eine Frau, die sie mitnehmen wollte, ist frech und ungezogen. Daran müsse sie sich gewöhnen, dass Kindererziehung nicht immer einfach sei, meint die Frau zur schwangeren Etsuko; und bittet sie auf eine Weise um Hilfe, die sie eigentlich das Gesicht verlieren lässt - ein Umstand, der dieser Frau, die gerade dabei ist, sich von den alten Fesseln zu befreien, gleichgültig ist.

Schlüssig wird der Roman erst, wenn man entdeckt, dass Etsuko und die Frau in der Hütte ein und dieselbe Person sind; dann erkennt man erst richtig den Zwiespalt, den sie erlebt, bevor sie sich entschließt, ihre Heimat zu verlassen, um mit ihrer Tochter einen Neubeginn zu wagen. Beide Seiten, die Verhaftung in den Konventionen und den Ausbruch daraus gegeneinander zu stellen - diese Form der Konfliktbetrachtung ist Ishiguro hervorragend gelungen. Auch wenn es einigen Nachdenkens bedarf, diese Konstellation auch zu erkennen.

Beklemmend sind vor allem die Dialoge der einzelnen Protagonisten. Beim Lesen fühlte ich mich unglaublich in die Enge getrieben durch diese starren, sich wiederholenden Phrasen, die stets darauf bedacht waren, an der Oberfläche zu bleiben. Doch genau das erschien mir schlussendlich auch als so bezeichnend für die traditionelle japanische Gesellschaft.

Es ist eindeutig Kazuo Ishiguros bislang japanischstes Buch. Wie auch die Protagonisten des Buches kennt er die Problematik der Entwurzelung; 1954 in Nagasaki geboren, wuchs er ab seinem sechsten Lebensjahr in England auf. Seine Bücher schreibt er auf Englisch, und wer "Was vom Tage übrig blieb" kennt, würde niemals vermuten, dass es von einem Japaner stammen könnte.

Es ist kein Buch, dass es dem Leser leicht macht; zu sperrig ist die Konzeption. Aber wer sich näher mit dem Roman beschäftigt, erlebt eine intensive Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne, die noch lange nachwirkt.

Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, kam im Alter von sechs Jahren nach England. Er studierte Anglistik und Philosophie und war danach eine Zeitlang als Sozialarbeiter tätig. Kazuo Ishiguro lebt mit Frau und Kind in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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