Kazuo Ishiguro - Der Maler der fließenden Welt

Originaltitel: An Artist of the Floating World
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1986
250 Seiten, ISBN: 3442727391

Der zweite Weltkrieg ist seit ein paar Jahren vorbei, aber die Spuren der Zerstörung sind noch allerorten sichtbar; auch das wunderbare Haus, dass Masuji Ono kurz vor dem Krieg auf so seltsame Weise erwerben konnte. Immer noch zählte hier in Japan das Ansehen, das eine Familie genoss, sehr viel; und an Ansehen hatte es ihm in der Vergangenheit nicht gefehlt. Er war einer der führenden Maler Japans; seine Stimme wurde gehört, und er hatte seinen Einfluss intensiv genutzt, um die Ideale, an die er glaubte, zu unterstützen.

Aber nun, nach dem Krieg, zählen diese Ideale nicht mehr, muss er merken. Seine Töchter sehen ihn scheel an, verübeln ihm, dass die Heiratspläne der Jüngeren so offensichtlich an seiner Vergangenheit scheiterten, auch wenn die offiziell dargebrachten Gründe in eine ganz andere Richtung wiesen, die ihn das Gesicht wahren halfen.

Und jetzt wird wieder über eine Ehe gesprochen; die Erkundigungen der Familien gehen tastend voran, und die ältere Tochter versucht, ihm behutsam klarzumachen, dass er vielleicht versuchen sollte, seinen Ruf zu retten. Für ihn beginnt nun eine sehr schmerzhafte Reise in die Vergangenheit; die Menschen, die früher an seinen Lippen hingen, wollen heute entweder gar nichts mehr mit ihm zu tun haben, oder aber sie wollten von ihm nur bezeugt haben, dass sie damals schon anderer Meinung waren, sich ihm aber als ordentliche Schüler untergeordnet hatten.

Selbstmord war damals ein sehr häufig zelebriertes Mittel, die Familie von den Schatten der Vergangenheit loszuwaschen; der Selbstmord des Familienoberhauptes galt als Entschuldigung für frühere Verfehlungen.

Wie sich die Gesellschaft in Japan in dieser Zeit entwickelt, wie sich das Einfordern der öffentlichen Demütigung durch die jüngere Generation bis zu einem so großen Selbstverständnis entwickelt, dass sie die späte Reue der älteren Generation nur noch belächeln, das erzählt Kazuo Ishiguro in diesem stillen Roman auf meisterhafte Weise.

Gerade mit dem historischen Hintergrund, den mal als deutscher/österreichischer Leser hat, erkennt man viele Konflikte der Nachkriegszeit nun vor einem fremden kulturellen Hintergrund, aber dennoch nicht minder eindringlich; wie weit der Weg ist, vor sich selbst einzugestehen, dass die Überzeugungen, nach denen man gelebt und gehandelt hatte, falsch waren; dass es dennoch zu einfach ist, den Weg zu gehen, den einer von Onos Schülern wählt: zu leugnen, beteiligt gewesen zu sein.

Mich hat dieser Roman Ishiguros sehr nachhaltig beeindruckt. Die Thematik des späten Erkennens der Fehler in der Vergangenheit, die nicht nur im persönlichen Bereich angesiedelt sind, hat er ja auch in "Was vom Tage übrig blieb", seinem in meinen Augen besten Roman, noch weiter ausgeführt. Das Umgehen mit Schuld, der Weg, den seine Protagonisten zurücklegen müssen, um das Ausmaß ihrer Fehler zu erkennen, zeigt die Schwierigkeiten und die Größe, die es benötigt, die eigene Vergangenheit nicht zu leugnen.

Es ist ein schmaler Grat, den er dabei begeht; wo ist die Grenze zwischen dem Akzeptieren früherer Fehler und dem Gutheißen dessen, was passiert ist?

Die Schlüsselszene in diesem Zusammenhang ist das Treffen der beiden potentiellen Heiratskandidaten und ihren Familien; der miai. Einerseits wird hier das klassische Japanbild am deutlichsten heraufbeschworen; es ist ein Zusammentreffen zwischen den beiden zukünftigen Eheleuten, die sich zuvor noch nicht einmal gesehen haben, soll dem Beschnuppern dienen und ist natürlich auch höchst zeremoniell, es ist sehr wichtig, ein Gleichgewicht zwischen beiden Familien zu demonstrieren. Und hier, als Ono merkt, dass seine Tochter völlig verkrampft ist, als er von einem der Brüder des Bräutigams ziemlich unverhohlen angefeindet wird, steht er zum ersten Mal auf und entschuldigt sich; entschuldigt sich für seine Einstellung und wohin sie geführt hat.

Der zweite Schwerpunkt des Buches liegt in der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler; aus beiden Seiten lernt man Ono hier kennen, einmal als Schüler, der es irgendwann schafft, über seinen Lehrer hinauszuwachsen, Eigenes zu gestalten - und als Lehrer, der diesen Prozess von der anderen Seite erlebt, und es nicht schafft, diesen Schritt seines Schülers als das zu erkennen, was er zeigt, sondern in ähnlich starrer und grausamer Weise reagiert wie sein eigener Lehrer, ja, noch grausamer sogar: denn die politische Situation des Landes erlaubt ihm, hier seinem Schüler wirklichen Schaden zuzufügen. Zu erkennen, dass er hier in seiner Funktion als Lehrer gefehlt hat, bringt den Prozess der Bewusstwerdung der eigenen Vergangenheit erst ins Rollen.

So einfach und glatt der Roman auf den ersten Blick wirkt, vor allem durch die sehr vorsichtigen und oberflächlichen Dialoge, die auf mich sehr "japanisch" wirkten, so viel verbirgt sich unter dieser glatten Oberfläche; ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat und meinen Blick erweitert hat - das höchste Lob, das man einem Roman aussprechen kann.

Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, kam im Alter von sechs Jahren nach England. Er studierte Anglistik und Philosophie und war danach eine Zeitlang als Sozialarbeiter tätig. Kazuo Ishiguro lebt mit Frau und Kind in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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