John Irving - Zirkuskind

Originaltitel: A Son of the Circus
Roman. Diogenes 1994
970 Seiten, ISBN: 3257229666

Farrukh Daruwalla ist eigentlich Arzt. Ein Orthopädie an einer Kinderklinik in Toronto, der alle paar Jahre für einige Monate nach Bombay zurückkehrt und dann an der dortigen Klinik für verkrüppelte Kinder operiert. Aber neben seinem Beruf hat Daruwalla zwei Leidenschaften: er möchte herausfinden, ob es einen genetischen Marker für Zwerge gibt, und: Er schreibt Drehbücher.

Die Filme, um die es sich handelt, sind in Indien gleichermaßen bekannt wie gehasst. "Inspektor Dhar" ermittelt regelmäßig mit höhnischem Lächeln; aber dass Daruwalla etwas damit zu tun haben könnte, ahnt niemand. Die Drehbücher werden dem Schauspieler zugeschrieben, der den Inspektor verkörpert.

Und nach dem letzten Film schwebt eben dieser Schauspieler in Lebensgefahr. Um Morde an Prostituierten war es gegangen; als spezielles Merkmal hatte der Mörder seine Opfer mit stets derselben Zeichnung bemalt. Und nun häufen sich in Bombay die Morde unter den Prostitierten - und auch hier hinterlässt der Mörder jedesmal eine Zeichnung als Erkennungsmerkmal.

Das schlechte Gewissen plagt Daruwalla; als er die Figur des Inspektor Dhar erfunden hatte, wollte er John D., dem Schauspieler, doch nur helfen; aus väterlichem Verantwortungsbewusstsein, obwohl John nicht sein leiblicher Sohn war.

Johns Eltern waren Schauspieler, die in Bombay einen Film gedreht und dadurch in Kontakt mit Daruwallas Vater gekommen waren (auch der Vater hatte schon ein Faible für dieses Genre und sah sich als verkappter Drehbuchautor). Als die Hauptdarstellerin - natürlich ungewollt - schwanger wurde, noch dazu von Zwillingen, war ihre Entscheidung schnell und grausam: nur eines der Kinder wollte sie mit sich nehmen - den anderen Sohn sollten die Daruwallas aufziehen.

Und nun, ausgerechnet in der Zeit der Morddrohungen, entschließt sich Johns Zwillingsbruder ausgerechnet in Bombay ins Jesuitenkloster zu gehen. Von der Existenz eines Bruders hat er keine Ahnung; die wütenden Angriffe der Bevölkerung, speziell der Prostituierten, sind für ihn nur eine Reaktion auf seine Bekehrungsversuche.

Jetzt ist Daruwallahs Kunst als Drehbuchschreiber erstmals wirklich gefragt: wie verhindert er, dass der nichtsahnende Bruder von einer Gefahr in die nächste schlittert, und vor allem: wie kann er, gemeinsam mit der Polizei, die grausamen Morde aufklären?


Eigentlich ist es ein Krimi, den John Irving uns hier auf knapp 1000 Seiten präsentiert; seltsame Morde, die auf eigentümliche Weise mit einem lange zurückliegenden Urlaub in Goa und einem Hippiemädchen zu tun haben, und die nur durch die Mithilfe eines Drehbuchautors und eines Schauspielers gelöst werden können.

Dann spielt noch der Zirkus, Zwerge und verkrüppelte Kinder eine große Rolle; und hier fängts auch an, etwas holprig zu werden. Denn so interessant die Geschichte der Zwerge, des Lebens im Zirkus, der Rettung von Straßenkinder, indem sie zu Zirkusartisten ausgebildet werden, auch sein mag: sie nimmt in diesem Roman zu viel Raum ein.

Ganz untypisch für einen Roman von John Irving ist man hier nämlich nicht von der ersten Seite an gefesselt und verzeiht dann leichten Herzens die eine oder andere Langatmigkeit; hier fängt die eigentliche Geschichte nach 300 Seiten erst wirklich an, und nach 400 Seiten kennt man den Mörder.

Ab diesem Zeitpunkt ist auch das alte Vergnügen, einen Roman von John Irving zu lesen, wieder da: man lacht und denkt und phantasiert mit, wie dem Mörder denn nun eine Falle gestellt werden kann, was der verrückte Zwillingsbruder jetzt schon wieder anstellt, wann dem zerstreuten Doktor die Details, die der Leser schon lange kennt, denn endlich wirklich einfallen.

Mit diesem Doktor Daruwalla hat Irving einen seiner symphatischsten Protagonisten erfunden; etwas rundlich, liebevoll, prüde, mit großen Träumen und Ambitionen und etwas kleineren Möglichkeiten.

Aber, ich kanns nur nochmals wiederholen: leider dauert es so unendlich lange, bis die Geschichte endlich in Fahrt kommt, dass es kein uneingeschränktes Lesevergnügen ist.

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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