John Irving - Eine Mittelgewichtsehe

Originaltitel: The 158-Pound Marriage
Roman. Diogenes 1973
278 Seiten, ISBN: 325721605X

Sie gefällt dir, oder? meint Utsch nach dem ersten gemeinsamen Abendessen mit den Winters - und gibt auch ihrerseits zu, Severin Winter ausgesprochen attraktiv zu finden.

Das ist der Auftakt für den Partnertausch zwischen den beiden Ehepaaren; Severin und Edith Winter - Utsch und der Erzähler dieser Geschichte.

Schriftsteller ist er, der Erzähler - historische Romane verfasst er. Und bei den Recherchen für sein erstes Buch hatte er in Wien Utsch kennengelernt; Utsch, die von ihrer Mutter beim Ende des zweiten Weltkriegs vor den Russen im Bauch einer Kuh versteckt worden war. Und die ihre Kindheit als Ziehtochter eines russischen Hauptmanns verbracht hatte.

Severin Winter hatte seine Kindheit ganz in Utschs Nähe verbracht; trotzdem waren sich die beiden erst in Amerika begegnet.

Das Gleichgewicht zwischen zwei Menschen auf lange Zeit aufrecht zu halten, ist schon schwer genug. Die Wünsche von vier Menschen unter einen Hut zu bringen, beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Severin ist es, der sich für immer stärkere Reglementierung einsetzt; doch als alles zu Ende geht, ist es jemand anderes, der wirklich leidet...

Ich war eigentlich immer der Meinung, dieser Roman von John Irving wäre einer von den Beiden, die ich nicht so schätze.

Doch nun, mit einigen Jahren Abstand und nachdem ich fast alles von Irving gelesen habe, durfte ich feststellen: die "Mittelgewichtsehe" ist gar nicht so schlecht!

Natürlich fehlt auch hier der Nebenschauplatz Wien nicht, spielt das Ringen, Irvings ureigenste Sportart, eine große Rolle, und die einzelnen Protagonisten haben jeder für sich eine schillernde Vergangenheit.

Und genau darin liegt auch in diesem Roman Irvings Stärke: diesen absurd erscheinenden Biographien Glaubwürdigkeit und Leben einzuhauchen.

Bei der Schilderung der Viererbeziehung ist er nicht ganz so stark; aber was ihm gut gelingt ist die allmähliche Desillusionierung des Erzählers, der sich fast bis zum Schluss in einer völlig sicheren Position im Mittelpunkt wähnt; und erst spät begreift, wie viel er gar nicht wahrgenommen hatte.

Als literarisches Schwergewicht, auch nur als Mittelgewicht, würde ich den Roman nicht bezeichnen; aber in seiner Liga ist er große Klasse!

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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