John Irving - Das Hotel New Hampshire

Originaltitel: Hotel New Hampshire
Roman. Diogenes 1982
597 Seiten, ISBN: 3257211945

In Dairy, ihrer Heimatstadt, waren sich Win Berry und Mary aus dem Weg gegangen; Win, der Sohn des Football-Coaches war nicht standesgemäß für die Tochter des Latein-Emeritus.

Aber dann war da dieser Sommer, als sie beide einen Ferienjob in einem Hotel angenommen hatten - der Sommer, als auch Freud mit seinem Bären und dem Motorrad in diesem Hotel gearbeitet hatte. Und am Ende des Sommers waren sie ein Paar, das seinen erarbeiteten Lohn für den Bären und das Motorrad ausgegeben hatte.

Der Bär hatte dazu beigetragen, dass Win das benötigte Studiengeld für Harvard aufbringen konnte. Dafür war er immer nur so lange zu Hause, um für die nächste Schwangerschaft zu sorgen; in kürzestem Abstand wurden Frank, Franny und John geboren - und später dann Lilly und Egg, die beiden Kleinen.

Wie sein Vater war auch Win Lehrer an der Dairy School geworden; schon alleine, um seinen Kindern zur Zeit den Besuch der Schule zu ermöglichen - auch wenn es nur eine zweitklassige Schule war.

Als auch Mädchen an der Dairy School zugelassen werden, gibt es plötzlich ein großes Gebäude in der Stadt, das leer steht. Und einen Mann, der eine konkrete Idee hat, was sich damit machen lässt - die Geburtsstunde des ersten Hotel New Hampshire.

Dass es bei John Irving kein normales Hotel sein kann, ist ganz klar. Zwergentoiletten, ein an Flatulenz leidender Hund namens Kummer, dazu der alltägliche Wahnsinn: John, der die ersten sexuellen Erlebnisse mit dem Zimmermädchen macht, Franny, die er eigentlich begehrt - und Frank, der seine Homosexualität entdeckt. Die früheren Schuleinrichtungen ermöglichen ein Abhören jedes einzelnen Zimmers, was von den den Kindern auch weidlich ausgenutzt wird.

Franny ist zwar noch jung - aber sie ist ihrem Alter weit voraus. Sie ist frech und vulgär, provokant; doch dann wird sie vom Football-Team vergewaltigt. Nein, sie zeigt sie nicht an - eine Prügelei, weiter nichts, erklärt sie ihrem Vater. Sie liebte ihn, diesen Football-Spieler; aber das erfährt John erst viel später.

Von einem florierenden Hotelbetrieb kann keine Rede sein; und in dieser Situation erreicht sie eine Nachricht vom längst tot geglaubten Freud aus Wien. Kommt zu mir! Schreibt er ihnen. Er hätte ein Hotel ganz in der Nähe der Kärntnerstraße, und: einen Bären.

Ja, sie entscheiden sich dafür, nach Wien zu gehen. Doch schon auf dem Hinflug passiert das erste Unglück: Die Maschine, die Mary und Egg, den Jüngsten, einen Tag nach dem Rest der Familie nach Europa bringen soll, stürzt ab.

Und auch das Hotel entpuppt sich als Katastrophe; die Gäste sind im Wesentlichen eine Gruppe Radikaler, die Manifeste ausarbeiten, und: Prostituierte. Und natürlich Susie - der Bär, der sich als junge Frau entpuppt, die sich nach ihrer Vergewaltigung für ein Leben als wildes Tier entschieden hatte.

Sieben Jahre sollten sie in dieser Stadt verbringen. Sieben Jahre, die die unwiderstehliche inzestuöse Anziehungskraft zwischen den beiden Geschwistern noch verstärken; sieben Jahre, in denen Lilly verzweifelte Wachstumsversuche macht, in denen Susie langsam lernt, dass es sich doch lohnt, zu leben; sieben Jahre, die darin gipfeln, dass die Familie es schafft, das Attentat, dass die Radikalen in ihrem Hotel planen, zu vereiteln.

Zurück in New York, gilt es, endlich die schwärende Wunde der Vergewaltigung vergessen zu lassen, den Mann für sein Vergehen büßen zu lassen - und endlich glücklich zu werden...

Das war im Wesentlichen der rote Handlungsfaden, der sich durch dieses Buch zieht. Aber natürlich ist es kaum möglich, die Fülle an Geschichten, Details in irgendeiner Form wiederzugeben; dabei sind gerade sie es, die ein Buch von John Irving so unverwechselbar machen.

Und nun, nachdem ich fast alle Bücher von ihm mehrmals gelesen habe, kann ich meine Behauptung verifizieren: Das "Hotel New Hampshire" ist und bleibt das Beste, was John Irving bislang geschrieben hat!

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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