John Irving - Die vierte Hand

Originaltitel: The Fourth Hand
Roman. Diogenes 2002
386 Seiten, ISBN: 3257233701

Patrick Wallingford ist ein attraktiver Mann und ein guter Nachrichtensprecher. Aber wirklich bekannt wird er erst, als ihm ein Löwe während einer Reportage vor laufender Kamera die Hand abbeißt. Als Katastrophenmann ist er fortan bekannt; seiner Karriere schadet diese persönliche Katastrophe jedenfalls nicht.

Eine der vielen zu Tränen gerührten Frauen ist Doris. Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass Patrick durchaus als Frauenheld bezeichnet werden könnte. Doris ist allerdings sehr glücklich verheiratet. Eine engere Beziehung als die zu Otto wäre kaum vorstellbar - nur ein Kind fehlt noch zum vollkommenen Glück. Trotzdem: als Doris mit ansehen muss, wie Patrick Wallingford seine Hand verliert, sichert sie ihm spontan zu, dass er nach Ottos Tod dessen Hand erben würde. Nein, Otto ist kerngesund - nur für den Fall der Fälle. Und für diesen Fall stellt sie auch ihre Bedingung: sie will ein Besuchsrecht für Ottos Hand.

Dass es dann schon so früh dazu kommen sollte, dass die Voraussetzungen für eine Handtransplantation gegeben sind, ist allerdings tragisch. Ein dummer Unfall kostet Otto das Leben; und trotz aller Trauer besitzt Doris Geistesgegenwart genug, seine linke Hand fachgerecht amputieren zu lassen und sofort zu Patrick aufzubrechen. Aber zuerst will sie Patrick sehen, will von ihm wissen, ob er ein netter Mensch ist - und sie will, dass er, der zukünftige Träger von Ottos Hand, seinen Teil zu ihrem Glück beiträgt. Sie will ein Kind, das Kind, das Otto nicht fähig war zu zeugen - und sie holt es sich.

Bei diesem Tempo hat Patrick keine andere Wahl, als ja zu sagen - und dann beginnt etwas Seltsames. Mit der Hand Ottos schein er auch dessen tiefe Liebe zu Doris transplantiert bekommen zu haben, sowie ein verändertes Gefühl für Ethik und Werte.

Doris nimmt ihr Besuchsrecht ernst; aber sie berührt ihn nie mehr an anderer Stelle als an der ihm fremden Hand. Dann kommt das Baby. Ottos Baby - und Patricks Baby. Die Hand ist nicht mehr das einzige, was ihr von ihrem Mann geblieben ist; sie zu besuchen ist für Doris immer weniger wichtig - sehr zu Patricks Leidwesen. Auch die Hand scheint unter der Vernachlässigung zu leiden - sie stirbt ab....

Mit diesem in untypisch kurzer Zeit nach dem letzten Buch veröffentlichten Roman hat Irving nicht unbedingt eines seiner besten Werke vorgelegt. Die Einführung der Protagonisten, die Vorbereitung des Feldes, auf dem sie agieren sollen, erfolgt in ähnlich ermüdender Weise wie ich es auch beim "Zirkuskind" empfunden habe. Aber anders als bei dem erwähnten dicken Wälzer "Zirkuskind" wird man nicht nach 200 Seiten mit einer herrlichen Geschichte belohnt, sondern bleibt eigentlich seltsam unbefriedigt zurück.

Das typische Irving-Gefühl beim Lesen will und will sich nicht einstellen: dieses Gefühl, immer weiter lesen zu müssen, und trotzdem die letzten Seiten hinauszuzögern, weil man sich nicht wieder von den Figuren trennen will, die einem in den letzten Stunden, Tagen, ans Herz gewachsen sind.

Dabei werden die verrücktesten, irvingesken Elemente diesmal einer Nebenfigur zugeordnet; dem Handchirurgen. Man ist es bei Irving ja gewöhnt, mit obskuren Situationen und Charakteren konfrontiert zu werden, aber diesmal hätte ich das (für Irving-Verhältnisse ohnehin relativ dünne) Buch getrost nochmals um knapp hundert Seiten kürzen können.

Soviel zum Negativen.
Wenn man die zähen ersten 150 Seiten endlich geschafft hat, kommt wieder ein klein wenig der Grund zum Vorschein, warum ich jedes neue Buch von John Irving einfach lesen MUSS: seine Gabe, Geschichten zu erzählen. Der erneute Verlust von Patricks Hand und sein schüchternes Werben um Doris mit allen Komplikationen und anderen Frauen, die zwischenzeitlich von ihm geschwängert werden möchten, ist zwar nicht überwältigend, aber doch auch wieder anrührend.

Die Einblicke in das Nachrichtenwesen und ihre immer unangenehmeren Tendenzen stellen die moralische Ebene, die der Autor eigentlich in fast jedem seiner Bücher transportieren will. Die Rückkehr zur Menschlichkeit in der Berichterstattung, die Wahrung von Privatsphäre, von Respekt dem Opfer gegenüber, das war in meinen Augen Irvings eigentliche Botschaft.

Für Irving-Fans ist es ohnehin keine Frage, ob man dieses neue Buch nun lesen soll oder nicht; aber allen, die den Autor noch nicht kennen würde ich raten: fangt mit einem seiner besseren Bücher an, nehmt "Garp" oder "Hotel New Hampshire" oder "Gottes Werk und Teufels Beitrag" - und wenn der Virus euch dann ergriffen habt, dann wird euch auch dieses Buch nicht mehr daran hindern, seine anderen Romane zu lesen.

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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