Originaltitel: The Cider House Rules
Roman. Diogenes 1985
775 Seiten, ISBN: 3257218370



Die Welt ist für Dr. Wilbur Larch zweigeteilt - da gibt es einmal "hier in St. Cloud´s" und "anderswo in der Welt". Hier in St. Cloud´s - das ist ein Waisenhaus in einer verlassenen Ecke von Maine, völlig abgeschieden vom Rest der Welt. Hierher kommen vor allem die verzweifelten Frauen - die einen, die ihre Kinder hier lassen, und die anderen, die sie abtreiben lassen wollen.
Denn Dr. Larch ist einer der wenigen Ärzte, der trotz des gesetzlichen Verbotes Abtreibungen vornimmt, somit zu Gottes Werk auch Teufels Beitrag hinzufügt. Auch er war ursprünglich der Meinung, sich an das Gesetz halten zu müssen; doch eine sehr persönliche Erfahrung hatte einen Sinneswandel bewirkt.
Hier in St. Cloud´s - das ist auch das Zuhause von Homer Wells. Dieses Waisenkind wurde zwar mehrfach adoptiert - aber immer wieder war er zurückgebracht worden, oder wollte von sich aus zurück. Er darf bleiben, entschied schließlich auch Dr. Larch - aber er solle lernen, sich nützlich zu machen. So wird Homer zum Assistenten des Arztes, lernt, was es an gynäkologischen Handfertigkeiten zu lernen gilt. Nur eines lehnt er ab - er selbst will keine Abtreibungen vornehmen. Eine Entscheidung, die er für sich getroffen hat.
Eines Tages taucht ein hübsches, wohlhabendes junges Paar in St. Cloud´s auf - wunderbare Adoptiveltern, wie so manche Waise hofft. Doch eigentlich wollen sie nur eine Abtreibung vornehmen lassen. Und als sie fahren, zieht Homer Wells mit ihnen, mit ans Meer, zu den Apfelgärten, von denen das Pärchen stammt.
Diese beiden, Candy und Wally, werden Homers Freunde - er bleibt in Ocean View, lernt, was es bei einer Apfelernte zu beachten gibt - und welche Regeln unter den schwarzen Pflückern gelten.
Wally meldet sich freiwillig zum Krieg und überlässt Candy Homers Obhut. Für Candy zu sorgen, sie um sich zu haben - das ist ein Wunsch, der in Homer schon seit längerem glimmt. Trotz ihrer beider Liebe zu Wally wissen sie, dass auch sie beide zueinander gehören, und werden ein Liebespaar. Und bald, das fürchten beide, muss eine Entscheidung fallen...
Einen Roman von John Irving nacherzählen zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zu viele schillernde, wichtige Personen verbergen sich in den prallen, deftigen Geschichten, und es fällt unendlich schwer, eine Auswahl zu treffen, um den Rahmen hier nicht zu sprengen.
Dabei ist auch Melony, das Waisenmädchen, mit dem Homer aufwächst und das ständig von einer kaum zu bändigenden Wut geleitet wird, die Homers erste Geliebte wird, eine für den Fortgang der Geschichte sehr wesentliche Figur; wie auch Olive, Wallys Mutter, oder Mr. Rose, der Anführer der Pflücker, nach dessen Regeln sich die anderen halten.
John Irving nimmt kein Blatt vor den Mund; seine Geschichte wird streckenweise recht deftig erzählt - ein Umstand, den ich nach dem ersten Lesen vor einigen Jahren beinahe vergessen hatte.
Er liefert auch selbst die beste Beschreibung seiner Bücher, wenn er seiner Figur in den Mund legt, dass "die Erfindung ihm mehr bedeuten konnte als das wirkliche Leben; in dem Moment lernte er, ein Bild zu malen, das nicht wirklich war und nie wirklich werden würde, aber damit man es überhaupt glauben konnte musste es besser gemacht sein und wirklicher scheinen als die Wirklichkeit; es musste zumindest möglich klingen".
Wer Appetit auf ein herrliches Buch hat, das man von der ersten bis zur letzten Seite mit Genuss, Spannung und Freude lesen kann, dem empfehle ich: lies Gottes Werk und Teufels Beitrag! Es ist eindeutig eines meiner Lieblingsbücher!
John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.
Javier Marias - Die sterblich Verliebten
Wozu ist der Mensch aus Liebe fähig? Welche Taten werden im Namen der Liebe begangen? Das ist ein Thema, das den spanischen Erfolgsautoren Javier Marias (Mein Herz so weiß) in seinen Romanen immer und immer wieder behandelt. Auch in seinem neuen Roman, der steht dieses Thema im Vordergrund und wird gewohnt ausschweifend behandelt. Wer diesen Stil mag, wird auch diesmal wieder genug Gelegenheiten haben, sich an Sprache und Wendungen zu erfreuen. An "Mein Herz so weiß" kommt er damit aber nicht heran. [..MEHR..]
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