John Irving - Witwe für ein Jahr

Originaltitel: Widow for One Year
Roman. Diogenes 1998
762 Seiten, ISBN: 3257233000

In dem Sommer, als Eddie sich unsterblich in ihre Mutter verliebte, war Ruth Cole 4 Jahre alt. Eddie war 16, Ruths Mutter 39. Er sollte in diesem Sommer als Schriftsteller-Assistent bei Ruths Vater arbeiten, doch eigentlich wurde er eingestellt, weil er den beiden toten Brüdern so ähnlich sah.

Am Ende dieses Sommers verließ die Mutter Mann und Kind (und auch Eddie), um 37 Jahre lang nichts mehr von sich hören zu lassen. Sie nahm auch alle Bilder der beiden Söhne mit - die toten Kinder für sie, das Lebende für den Vater.

30 Jahre später ist Ruth eine international bekannte Schriftstellerin. Auch Eddie hat sich bescheidenen Ruhm erschrieben; seine Romane handeln samt und sonders von Liebesbeziehungen zwischen jungen Männern und älteren Frauen. Begegnet sind Ruth und er sich seit jenem Sommer nicht mehr. Ihr erstes Treffen bei einer Lesung ist daher für beide sehr bedeutsam; zum erstenmal erfährt Ruth von jemand anderem als ihrem Vater, warum ihre Mutter sie damals verlassen hatte.

Ruth ist selbst gerade am Zweifeln - soll sie ihren Lektor (der um viele Jahre älter ist als sie) heiraten? Sie verschiebt die Entscheidung auf den Zeitpunkt, wenn sie von ihrer Promotion-Tour durch Europa zurück sein wird. Während der Lesungen und Interviews, die sie dort gibt, reift in ihr der Plan für ein neues Buch; zu Recherchezwecken begibt sie sich in Amsterdam ins Rotlichtviertel. Und hier gerät sie in eine Situation, die sie nie in ihrem Leben vergessen wird....

John Irving hat die Gefühle seiner Fans im Buch sehr gut beschrieben: "Was gab es Schöneres? Einen neuen Ruth-Cole-Roman und zwei freie Tage!" - was soll man da noch hinzufügen?

Gleich die erste Seite fesselt, und ehe man sichs versieht, hat man sich mal wieder festgelesen. Dabei sind viele Situationen schon aus anderen Romanen bekannt; der Unfalltod der beiden Söhne, an dem die Eltern indirekt schuld sind, ihre Verzweiflung darüber; die Geschichte in der Geschichte, und so weiter.

Ein Schmunzeln entlockt der Autor auch, wenn man sich die Inhalte der Romane von Ruth Cole ansieht; die Ähnlichkeit mit zB Gottes Werk und Teufels Beitrag ist unverkennbar.

Seine Figuren sind sehr lebendig und greifbar; wie schreibt er selbst sinngemäß? Eine Geschichte kann ruhig absurd sein; aber die Details müssen stimmen und vorstellbar sein. Und das sind sie!

Allerdings hatte mir dann der dritte Teil des Buches nicht mehr so gut gefallen wie der Beginn. Hier löst sich alles für meine Begriffe zu glatt auf.

Trotzdem: ein großes Lesevergnügen!!!

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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