Ingrid Noll - Ehrenwort

Originaltitel:
Krimi. Diogenes 2010
366 Seiten, ISBN: 3257067607

Willy Knobel ist immer alleine zurecht gekommen. Gut, sein Enkel Max hilft ihm ab und zu und wird dafür mit ordentlich Taschengeld belohnt. Aber dann passiert, was alten Menschen häufiger passiert: ein Sturz (blöderweise an einer Stelle, die durch Maxens Unachtsamkeit so rutschig war), Oberschenkelhalsbruch, Komplikationen, und bei dem Alter, so geben die Ärzte den Angehörigen zu verstehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es nicht mehr lange dauert bis zum Tod.

Max hat ein schlechtes Gewissen, und außerdem liegt ihm daran, dass der Großvater eine Weile weg ist von seinem Zuhause - schließlich traut er keiner Bank, sein Barvermögen liegt in einem Tresor, zu dem Max nun den Schlüssel hat. Und nachdem Max ziemlich in der Breduille sitzt und dringend Geld braucht, erscheint ihm das als eine akzeptable Lösung.

Auch seine Eltern sind vorerst einverstanden - es soll ja schließlich nicht für lange sein. Das Zimmer der mittlerweile längst in Berlin lebenden Tochter - die im Haushalt nicht so recht erwähnt werden darf, immerhin lebt sie mit einer Frau zusammen - wird für den Großvater hergerichtet, ein Pflegedienst kommt täglich, Max kümmert sich um die Verpflegung… und der Alte stirbt und stirbt nicht. Im Gegenteil! Unter der Zuwendung der hübschen Pflegerinnen wird er wieder richtig munter, und geht seinem Sohn und seiner Schwiegertochter zunehmend auf die Nerven.

Man könnte doch… vielleicht nochmal einen Sturz inszenieren, jetzt, wo der Großvater wieder selbst auf Krücken unterwegs ist. Kann ja passieren. Und man kann es mit einem ausgesprochen glatt gebohnerten Boden und Entfernung des Läufers ja ein klein wenig provozieren, denkt die Schwiegertochter - während der Sohn beschließt, den abendlichen Cognac des Vaters ein wenig anzureichern, um für ewig guten Schlaf zu sorgen.

Beide treffen mit ihren Maßnahmen den Falschen, was einen Rattenschwanz an neuen Maßnahmen nach sich zieht, in die auch Max und die hübsche junge Pflegerin Jenny involviert sind…

Ich stelle mir ja immer wieder die Frage, warum ich die Bücher von Ingrid Noll eigentlich immer wieder lese. Schon bei der Apothekerin, von dem alle Welt schwärmte, konnte ich die Begeisterung nie so ganz nachvollziehen. Ich finde ihre Romane meist nicht witzig, und böse finde ich sie auch nicht. Eher … nun ja, nätt. Und ein bisschen bieder und von der kriminellen Idee ausgesprochen vorhersehbar. Leider fehlt hier auch ein gewisser Tiefgang beim Personal, der einen Ausgleich dafür geschaffen hätte.

Und doch. Und doch liest man so dahin, gerade den Anfang fand ich sogar relativ gelungen, weil mir die Grundfragestellung gefiel. Ja, wie geht man denn dann damit um, wenn der Großvater, den man zum Sterben heimholt, dann wieder putzmunter ist, und man merkt, dass das Mitgefühl halt nur eine Weile lang reicht, die nervenden schlechten Angewohnheiten zu ertragen. Aber spätestens beim ersten Todesfall war ich wieder wie ein Fisch vom Haken frei; der Rest war dann banale Screwballcomedie, die leider nicht besonders überzeugend gestaltet wurde (und mir als Genre generell nicht liegt).

Ingrid Noll

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren und begann schon als Kind heimlich Geschichten zu schreiben. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn und ist Mutter dreier erwachsener Kinder. Sie lebt heute in Weinheim.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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