Helen Walsh - Ich will schlafen

Originaltitel: Go to Sleep
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2012
320 Seiten, ISBN: 3462043803

Schlaf - das, was Müttern in der ersten Zeit nach der Geburt am meisten fehlt. Schlafentzug ist eine Folter, die Folgen sind nicht zu unterschätzen - postnatale Depressionen hängen oft mit Schlafmangel zusammen. Ein wichtiges Thema, wie ich finde - ich war deshalb sehr auf die Umsetzung gespannt. Leider aber wurden die Möglichkeiten des Themas hier verschenkt.

Rachel wartet voller Vorfreude auf ihre kleine "Bohne", wie sie das heranwachsende Wesen in ihr liebevoll nennt. Zwar ist dieses Kind nicht geplant, sondern das Ergebnis einer schnellen und heftigen Wiederbegegnung mit der ganz großen Teenagerliebe, aber darum nicht weniger gewollt. Ganz bewusst hat Rachel sich dafür entschieden, ihr Leben mit der Bohne alleine zu gestalten, hier, mitten im Herzen des "echten" Liverpools, einer Gegend, in der sich viele Ethnien mischen.

Rachel ist Sozialarbeiterin, ihr Beruf hat sie oft genug mit jungen alleinerziehenden Müttern in Kontakt gebracht, mit Jugendlichen, die die Schule verweigern; sie ist intelligent und tough, weiß sich zu organisieren und ist sicher, auch diese neue Herausforderung mit Bravour zu erledigen. Zweifel sind ihr fern, einen Geburtsvorbereitungskurs hat sie nur gemacht, weil sie mehr oder weniger dazu gedrängt wurde; vorbereitende Literatur hat sie ebenfalls nicht gelesen. Und sie hat auch noch nie einen Säugling in den Armen gehalten - denn seit sie schwanger ist, will sie sich diesen magischen Moment nicht mehr nehmen lassen. Ihre Bohne soll in jeder Hinsicht einzigartig für sie sein.

Wie so oft, wenn man in der Fantasie alles schon tausendmal durchgespielt hat und kein Schatten das zukünftige Glück noch trüben könnte, kommt es dann doch ganz anders. Schon die Geburt ist mit nichts zu vergleichen, was Rachel sich vorgestellt hatte - angefangen davon, dass sie in der Geburtsabteilung gar nicht erst aufgenommen wird, weil ihre Wehen nicht regelmäßig genug kommen. Ihr Kind kommt letztlich bei ihr zu Hause, in der Wohnung, ohne fremde Hilfe - und das ist erst der Anfang.

Denn Rachel, geschwächt durch die lange Zeit des Schlafentzugs, möchte nun, nach der Geburt, einfach nur schlafen. Und kann und darf nicht. Da ist das Baby - ein Junge, wie erträumt - das Hunger hat. Untersuchungen. Besuche. Andere Mütter im Zimmer, deren Babys schreien, oder die Besuch erhalten. Und selbst als Rachel die Säuglingsschwester anfleht, ihrem Baby doch eine Milchflasche zu geben, um dessen unstillbares Weinen zu besänftigen, wrid sie mit einem "Stillen ist das Beste für Ihr Kind" abgewimmelt.

Es wird nicht besser, als sie nach Hause kommt. Sie hat nichts vorbereitet, keine Windeln im Haus. Sie hat keinerlei Unterstützung - selbst ihr Vater plant, in dieser ersten Zeit mit seiner neuen Frau auf eine längere Forschungsreise ins Ausland zu gehen. Die Anzeichen dafür, dass es Rachel NICHT gut geht, dass sie nicht wirklich mit ihrem neuen Leben, mit dem Baby, klarkommt, sind eigentlich nicht zu übersehen - und doch bleibt es von ihrer Umgebung bei halbherzigen Hilfeversuchen. Keiner sieht das Ausmaß dessen, was der Schlafmangel aus Rachel macht.

Erst als sie nicht mehr sicher sagen kann, ob sie ihr Kind nun getötet hat oder nicht, kommt Hilfe…

Zu sagen, ich hätte mich auf einen Roman "gefreut", der ein Thema wie postnatale Depression behandelt, wäre nicht ganz angebracht. Aber gerade weil sich in meinem Umfeld eben auch viele Mütter tummeln und das Thema Schlafentzug bei den meisten eine große Rolle spielt oder gespielt hat, hatte ich darauf gehofft, hier ein Buch vorzufinden, das ich auch als Buchtipp weitergeben kann, das realistisch mit den Auswirkungen von Schlafmangel umgeht und die ungeschönten Seiten des Mutterdaseins aufzeigt.

Diese Erwartungen wurden in "Ich muss schlafen" von Helen Walsh nicht erfüllt. Für mich gibt es ein ganz großes Manko in diesem Roman: ich konnte den Zusammenhang zwischen einer eigentlich doch intelligenten, selbstbewussten Frau und einer in so fürchterlich naiven Traumvorstellungen lebenden Person nicht unter einen Hut bringen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich meine damit keineswegs, dass postnatale Depressionen gebildete und informierte Frauen nicht betreffen können. Mir geht es nur darum, dass ich hier beim Lesen schon im Vorfeld das Gefühl hatte "Das kann nur schiefgehen" - einfach, weil die Erwartungshaltung der Protagonistin so überzogen war, und weil sie sich in so vieler Hinsicht absolut nicht vorbereitet hatte.

Es ist ja nicht so, dass sie das Baby schon im Mutterleib abgelehnt hätte, nein, sie hatte sich darauf gefreut - und sie war ja laut Romanbiographie durchaus schon mit Kindern in Berührung gekommen, vor allem auch mit den Problemen alleinerziehender Mütter. Dass ein gewisses Netzwerk nötig sein würde, dass gerade zu Beginn in mancher Hinsicht Unterstützung hiflreich sein würde - man muss schon ausgesprochen naiv sein, um sich diesen Umständen so völlig zu verschließen.

Auch die Geburt mit all ihren dramatischen Wendungen war für mich dann leider einfach nur überzeichnet. Dramatische Szenen schon von Anfang an, Wehen, die zwar nur alle Stunde kommen, aber dafür sorgen, dass frau 20 Minuten nicht ansprechbar ist und sich auf dem Boden wälzt… das passt alles nicht so richtig zusammen und wirkt daher leider, als wäre es um des Effektes wegen so übertrieben beschrieben worden. (und auch hier wieder: ich will damit keineswegs die Schmerzen einer Geburt kleinreden!)

Wenn Rachel von ihrem Baby spricht, dann wirkt es so, als sei er ein Monster, das NIE schlafen würde. Aber gleich darauf wird davon berichtet, wie viele Stunden er tagsüber schläft, wenn sie mit ihm draußen mit dem Kinderwagen herumfährt (für sich selbst irre und vollkommen erschöpft, ein Zustand also, den ich gut nachvollziehen kann).

Mein erster Impuls nach dem Lesen des Buches war, dass sich hier eine Autorin ein Thema gesucht und dazu recherchiert, es aber nicht selbst erlebt hat. Hierzu wurde ich eines besseren belehrt, Helen Walsh litt selbst unter einer heftigen postnatalen Depression und hat für sich erfahren, dass es sehr leicht ist, durch das Netz an Hilfsangeboten zu rutschen. Und in diesem Interview, das ich dazu gelesen habe, wird dann auch ein Grund klar, der sicher auch für die Handlungen der Protagonistin des Romans ausschlaggebend war: der Drang, alles perfekt zu machen.

Meiner Meinung nach kam das allerdings im Buch zu wenig zum Tragen. Es wird zwar immer wieder kurz das Thema Stillen und "bloß keine Flaschenmilch" angeschnitten, aber Rachel trinkt nicht unerheblich Alkohol, und auch sonst gibt es kurz die Szenen, in denen sie um des Kindes willen im Putzwahn steckt, die ihren Drang nach Perfektionismus so richtig zum Vorschein bringen. Der Drang ansonsten, eine perfekte Mutter zu sein, kam für mich eigentlich nicht zum Ausdruck. Dabei würde er so manche Handlung erklären, zum Beispiel eben, keine Hilfe annehmen zu können.

Es ist ein Roman, der trotz seiner für mich deutlichen Schwächen eben trotzdem zur Diskussion anregt - und natürlich, gerade, wenn man auch selbst Mutter ist oder wird, mit der eigenen Rolle und den Ansprüchen daran, den eigenen ebenso wie den Fremden.

Helen Walsh

Helen Walsh wurde 1977 im englischen Warrington bei Liverpool geboren und zog im Alter von 16 Jahren nach Barcelona. Sie schlug sich mit diversen Jobs im Rotlichtviertel durch und studierte Sprachen. Ausgebrannt und pleite kehrte sie darauf nach England zurück und arebitet nun mit Jugendlichen im Norden von Liverpool.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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