Rayk Wieland - Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Originaltitel:
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2010
208 Seiten, ISBN: 3492259197

Als ich den Klappentext zu diesem Buch las, war ich sofort am Haken: dieses Buch wollte ich lesen. Zwanzig Jahre nach der Wende wird ein gewisser Herr W. (Ähnlichkeiten mit dem Nachnamen des Autors sind bestimmt rein zufällig) zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Nun gut, noch nicht außergewöhnlich. Er erhält diese Einladung jedoch, weil er als "unbekannter Untergrunddichter" gilt und hier über Unterdrückung durch die DDR sprechen soll.

Herr W. begiebt sich also auf Spurensuche - in seinem eigenen Gedächtnis, aber auch bei diesem seltsamen Verein, der ihn da geladen hatte. Und was wird ihm da präsentiert? Eine dicke Stasi-Akte. Wohl gefüllt mit… ja, mit Gedichten. Unter anderem. War er nun doch ein Dichter? Hatte der viele Alkohol, den er in Wendezeiten im Prenzlauer Berg genossen hatte, sein Gedächtnis so sehr getrübt?

Das Rätsel ist schnell gelöst. Es handelt sich um Liebesgedichte, großteils. Geschrieben von einem jungen Mann, der seine Liebste nicht sehen kann, da sie ja im kapitalistischen Ausland wohnt. Für sie dichtet er so tiefschürfende Texte wie

Dringende Bitte
Baby, wenn Du sterbst,
Baby, dann ist Herbst.
Nicht nur diese Jahreszeit.
Sondern alles Landesweit
Hat dann, ehrlich, keinen Sinn,
Wenn Du wärst hin.
Ringsumher sinkt das Niveau,
Sogar im Politbüro.
An muß ich dich flehen,
Nicht von mir zu gehen. (S. 26)


Tja, und da ist es schon. Das Wort. Politbüro. Also eindeutig: ein politisches Gedicht. Das hatte auch der Stasimensch angemerkt, der mit diesem Fall betraut war.

Immer tiefer gerät Herr W. in die peinlichen Nachwirkungen seiner Jugend. Erinnerungssplitter von seiner Lehre dringen in sein vernebeltes Hirn - und auch vage Erinnerungen an ein paar Gespräche "dort", mit "denen", die er besser verdrängt hätte…

Eines muss man diesem Buch lassen: es liest sich kurzweilig, es baut auf einer originellen Idee auf. Ich musste gerade zu Beginn des Buches sehr häufig schmunzeln, auch wenn da durchaus ganz schöne Kalauer dabei waren. Aber irgendwann hatte ich den Eindruck, das sich alles mehr oder weniger wiederholt, die Kalauer werden deftiger, aber nicht unbedingt witziger. Ich fühlte mich von der Machart an Filme wie "Sonnenallee" oder "Goodbye Lenin" (wobei letzterer deutlich mehr Tiefgang hat) erinnert.

In meinen Augen hat die Idee nicht über die ganzen 200 Seiten getragen - schade eigentlich. Seinen neuen Roman, der ähnlich aufgebaut ist (und mich daher auch an Tilman Rammstedts "Kaiser von China" erinnert) werde ich aber zumindest mal genauer ansehen.

Rayk Wieland

Rayk Wieland, geb. 1965, studierte Philosophie und ist gelernter Reisereporter. Mehrtägige Reisen nach Jerusalem, Rom und Moskau. Mitherausgeber des dreibändigen Standardwerks »Öde Orte«. Zuletzt erschien von ihm »Ich schlage vor, dass wir uns küssen«. Er lebt in Hamburg.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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