Originaltitel: Leaving Earth
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1999
251 Seiten, ISBN: 3426614774
Die junge, unerfahrene Fliegerin Willa Briggs traut ihren Augen kaum als sie merkt, dass ihr großes Idol, „Air Ace Grace“ O´Gorman auf sie zukommt und mit ihr gemeinsam einen Weltrekordversuch wagen will. Ihr Plan ist es, im August 1933 25 Tage ununterbrochen in der Luft zu verbringen – und die zweite Fliegerin, mit der sie dieses Wagnis eigentlich durchführen wollte, hat sich kurz zuvor verletzt.
Jack, Graces Mann, soll die beiden aus der Luft mit Treibstoff und Lebensmitteln versorgen; so hatte Grace es umgekehrt auch bei ihm gemacht, als er den bestehenden Rekord aufgestellt hatte. Glücklich ist er nicht damit, dass ihm dieses bisschen Ruhm, das er dadurch zuteil wurde, nun von seiner eigenen Frau abgejagt werden soll, doch ihr Verständnis für seine Einwände ist verschwindend gering.
Und so starten sie in die Luft. 25 Tage ohne Bodenkontakt, ununterbrochenes Fliegen, Schlafen in der offenen Maschine, jeglicher Witterung nahezu schutzlos ausgeliefert, keine Möglichkeit, die Beine auszustrecken, sich ordentlich zu bewegen, ja, noch nicht einmal die Chance, sich zu unterhalten ist gegeben: der Fluglärm übertönt alles.
Während die beiden oben ihre Runden über der Stadt drehen, wünscht sich unten ein junges Mädchen sehnsüchtig, Grace möge ihre Mutter sein – sie will nicht länger mit Del in Verbindung gebracht werden, die im Vergnügungspark eine Wahrsagerbude betreibt, nicht jetzt, wo man als Jude überall ausgegrenzt, verspottet und verfolgt wird.
Und während Grace und Willa versuchen bei Verstand zu bleiben, obwohl sie fühlen, dass Jack die Aktion sabotiert, gewinnen am Boden die Blauhemden, die kanadischen Nazis, immer mehr Anhänger...
Die beiden Handlungsstränge sind lose über Simon verknüpft; Dels Bruder tauscht bei Willa Boxunterricht gegen Flugstunden.
Der Ansatz ist ambitioniert: die Autorin will in diesem Buch die Weltwirtschaftskrise lebendig werden lassen, die Not der Menschen, ihre Sehnsucht nach Helden, nach Ablenkung und Zerstreuung; dazu die ersten Nachrichten über den rapide steigenden Antisemitismus in Deutschland, die entsprechende Bewegung auch in Kanada – und das ganze auch noch verknüpft mit dem Erleben völliger Losgelöstheit bei diesem Flugversuch, der Bindung, die sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, und zu guter Letzt auch noch die Beziehung zum Ehemann samt Eifersucht und Unterlegenheitsgefühlen.
Das ist eine ganze Menge auf 250 Seiten – zu viel, in meinen Augen, denn dadurch sind die einzelnen Fäden nicht sauber ausgearbeitet und zu Ende geführt worden. Auch wenn die einzelnen Mosaiksteinchen durchaus stimmig wirken, ergeben sie insgesamt doch kein ganzes Bild, es bleibt schief und konstruiert.
Im Prinzip zwar ein nettes Buch für zwischendurch, aber kein herausragendes Leseerlebnis
Helen Humphreys lebt in Toronto und arbeitet in einem feministischen Zentrum. Sie hat bisher drei Lyrikbände und eine Erzählung veröffentlich. „Wenn der Himmel uns küsst“ ist ihr erster Roman, er wurde mit dem Toronto Book Award ausgezeichnet.
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