Keri Hulme - Unter dem Tagmond

Originaltitel: The Bone People
Roman. S. Fischer Verlag 1984
654 Seiten, ISBN: 3596101735

Kerewin hat sich einen Turm als Wohnstätte gebaut - eine uneinnehmbare Festung an einem wilden, unzugänglichen Ort. So, wie auch sie selbst nie wieder Menschen in ihrem Leben haben wollte.

Dann findet sie eines Tages einen verstörten, stummen Jungen in ihrem Turm - der freche Knirps hatte sich eingeschlichen, und ließ sich nicht so leicht wieder wegschicken.

Ein Findelkind ist er, dieser Simon - bei einem Schiffsunglück ist er als Einziger am Leben geblieben, wer seine Eltern waren, konnte nie herausgefunden werden. Und selbst konnte er nichts dazu beitragen - klein und stumm, wie er war.

Joe hatte ihn damals gefunden, und er zieht ihn nun auch auf - alleine, seit dem Tod seiner Frau. Und mit großen Schwierigkeiten. Simon ist alles andere als ein leicht zu behandelndes Kind, er ist im ganzen Dorf für seine Angewohnheit, bei fremden Leuten einzusteigen, etwas mitgehen zu lassen, zuzuschlagen, bekannt. Viele halten ihn auch für zurückgeblieben - was er absolut nicht ist.

Langsam freunden sich die drei an, gewöhnen sich aneinander. Verlorene Seelen alle drei, alle ihrer Wurzeln beraubt. Nur teilweise Maori, hin und hergerissen zwischen beiden Welten, haben sie zumindest eine Ahnung von den alten Geschichten und Überlieferungen - leben es aber nicht mehr.

Etwas stimmt auch nicht zwischen ihnen - etwas verheimlichen Joe und Simon vor Kerewin. Und als die Gewalt, die latent immer vorhanden war, zum Ausbruch kommt, geht beinahe alles zu Bruch...

Keine leichte Lektüre, dieser Roman über drei einsame, zerbrochene Menschen. Immer wieder hört man ihre Stimmen, liest aus Nuancen die sich verändernden Stimmungen heraus - und merkt das stetige Verändern von sich-öffnen, Rückzug, und, immer wieder, auch die latente Gewalt und ihre Ursachen.

Sehr eigentümlich geschildert, immer wieder durchsetzt mit dem Gedankengut der Maori, ihren Traditionen, ihrer Geschichte. Dieses Buch in genau der Gegend zu lesen, in der es auch spielt, hat einen ganz eigentümlichen Charme - die raue Landschaft, die Abgeschiedenheit, die aus dem Text vermittelt werden, lassen sich so noch stärker spüren.

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie nahe man an die drei Protagonisten während des Lesens herankommt, wie lebendig sie erscheinen und wie sehr man ihre Leiden lindern möchte - obwohl, und auch das für mich ein herausragendes Kriterium - keiner von ihnen wirklich sympathisch ist.

Ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sensibel geschilderte Schicksale zu schätzen wissen - für mich ein ganz besonderes Buch.

Keri Hulme

Keri Hulme, die 1947 in Christchurch / Neuseeland geboren wurde, hat mütterlicherseits Maori-Vorfahren. Sie wuchs als Tochter eines Malermeisters und ältestes von sechs Kindern auf. Nachdem sie wegen finanzieller Schwierigkeiten ihr Jura-Studium hatte aufgeben müssen, schlug sie sich in den verschiedensten Jobs durch, als Tabakpflückerin, Köchin, Postangestellte, Arbeiterin beim Bau und beim Fischfang, bis sie sich mit Mitte Zwanzig an die Westküste der Südinsel zurückzog. Sie wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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