Wei. Hui - Shanghai Baby

Originaltitel: Shanghai Baobei
Roman. Ullstein Verlag 2001
319 Seiten, ISBN: 3550083432

Fünfundzwanzig Jahre ist Ni Ke alt, hat einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, der sie zwar nicht reich, aber bekannt gemacht hat. Die Männer hatten ihr Briefe mit pornographischen Bildern geschickt, waren fasziniert von der Hemmungslosigkeit, die diese Erzählungen verrieten.

Ni Ke lebt mit Tientien zusammen, den sie leidenschaftlich liebt - der allerdings impotent ist. Nein, trotz aller Liebe könne sie nicht bei ihm bleiben, dachte sie zu Beginn; doch er ist ihre Ergänzung, ihr anderes Selbst, ist die andere Seite ihres Wesens. Während sie vor Tatkraft sprüht, weiß, dass sie in ihrem Leben etwas erreichen wird, sich mit Energie an die Verwirklichung ihrer Ziele macht, personifiziert Tientien die Negation. Er malt, malt sogar gut, glaubt aber nicht daran. Seine Mutter wäre schuld daran, dass er heute zu der Person geworden wäre, die er ist; vor zehn Jahren war sie nach Spanien gezogen. Und hat, davon ist er fest überzeugt, seinen Vater vergiftet. Die Beziehung der beiden beschränkt sich auf das Geld, das er von ihr einfordert, von dem er lebt. Aber nun hat er auch Ni Ke; auch wenn er weiß, dass er nicht in der Lage ist, sie wirklich glücklich zu machen, setzt er ihre Anwesenheit mit seinem Lebensinhalt gleich.

Ni Ke und Tientien - wie siamesische Zwillinge erscheinen sie oft, aneinandergeschweißt, untrennbar. Bis Ni Ke Mark kennen lernt, einen jungen Berliner, der hier die Niederlassung seiner Firma leitet. Einmal nur, denkt sie zu Beginn. Es ist nur Sex, entschuldigt sie sich später. Im Bewusstsein des Schmerzes, den sie Tientien bereiten wird, sollte er es jemals herausfinden, beginnt sie eine leidenschaftliche Beziehung zur blonden Langnase...

Soweit könnte die Handlung an jedem beliebigen Ort spielen. Eine klassische Dreiecksbeziehung; aber was dieses Buch so faszinierend macht, ist nicht nur, dass man von den Beweggründen der Protagonisten in einen Sog gerissen wird, dem man sich nur schwer entziehen kann. Es ist vor allem die Stadt, in der sich das alles abspielt, eine Stadt, die zur Hauptfigur wird: Shanghai, die westlichste Stadt Chinas, mit dem pulsierenden Leben, der Vielfalt, den Möglichkeiten - und auch den Restriktionen, denn 40.000 ihrer Bücher wurden erst vor kurzem öffentlich verbrannt, wie sie anlässlich einer Lesung in Berlin erzählt. Aufsehenerregend ist die sexuelle Offenheit, die zwar hier nicht zu schockieren vermag; angeprangert wurde auch die Beziehung zu einem Weißen, einem Fremden. Und natürlich die Lebensweise, die dem klassischen Bild von China nicht entspricht.

Fünf Romane hat die Autorin mittlerweile geschrieben; wollen wir hoffen, dass sie bald ins Deutsche übersetzt werden. Denn das Bild von China, das sie vermitteln, ist aufregend neu.

Wei. Hui

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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