Michel Houellebecq - Ausweitung der Kampfzone

Originaltitel: Extension du domaine de la lutte
Roman. Rowohlt Verlag 2001
170 Seiten, ISBN: 3499230704

Knapp über dreißig. Single. Beruf: Informatiker. Glücklich? Nein.

Das ist im Wesentlichen alles, was man über den Protagonisten und Ich-Erzähler dieses Romans vorab sagen kann.

Soziales Leben hat er so gut wie keines, und wenn, dann sind es Parties im Kollegenkreis, bei denen man sich betrinkt, hinters Sofa kotzt und einer Kollegin unbeteiligt dabei zusieht, wie sie sich kurz mal auszieht. Und danach, las ihr nichts mehr einfällt, wieder anzieht.

Oder er trifft sich mit einem früheren Studienkollegen, der mittlerweile Priester geworden ist. Zu sagen hat man sich nicht mehr viel, aber es ist immerhin noch ein Mensch, der sich um ihn kümmert.

Frauen? Ja, gab es auch. Früher. Und nie für lange. Dieses Spiel hat er schon aufgegeben.

Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen Tisserand. Hässlich, aber gut verdienend. Und leider noch nicht mal charmant. Chancen bei der Frauenwelt? Gleich null. Er könne es sich leisten, sich jede Woche einmal eine Hure kommen zu lassen. Aber es ärgere ihn, dass andere Männer dasselbe noch häufiger haben könnten - und nicht nur gratis, sondern auch noch mit Liebe obendrauf.

Dass Tisserand sich nach einem weiteren gemeinsamen Abend mit dem Erzähler - wieder auf der Suche nach einem Mädchen - das Leben nimmt, verwundert nicht; schließlich war das, wozu er sich beinahe hätte treiben lassen, schon einen Schritt über dem Abgrund gewesen...

Ich bin nach wie vor zwiegespalten in meiner Meinung über diesen Roman. Den ersten intensiveren Eindruck erhielt ich, als vor einigen Jahren im Literarischen Quartett über dieses Buch gesprochen wurde. Damals war ich mir ziemlich sicher, dass das Buch mich nicht ansprechen würde.

Nachdem der Name Houellebecq seit geraumer Zeit aber aus dem Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken ist, wollte ich mein Vorurteil dann doch auf eine reellere Basis stellen.

Hat es mir nun gefallen oder nicht? Also rein von der erzählten Geschichte und der verwendeten Sprache her: nein.

Aber: wenn der Autor anfängt, Kapitalismus und sexuelle Freizügigkeit miteinander zu vergleichen, dann gewinnen seine Texte plötzlich immens. Und die Kälte und Unpersönlichkeit eines ganz gewöhnlichen Alltags trifft er manchmal mit so gnadenloser Härte, dass die häufig gehörte Aussage, Houellebecq wäre "die wichtigste literarische Stimme seiner Generation" nicht mehr ganz unbegründet erscheint.

Hat es sich nun für mich gelohnt, dieses Buch zu lesen? Ja. Und es hat auch mein Interesse für die weiteren Romane des Autors geweckt, auch wenn ich ihn mit Sicherheit nie zu meinen Lieblingsschriftstellern zählen werde.

Michel Houellebecq

Michel Houellebecq, geboren 1958, arbeitete als Ingenieur und Informatiker. Bevor er diesen Roman schrieb, veröffentlichte er zwei Gedichtbände und Essays. Für "Ausweitung der Kampfzone" wurde er mit dem "Grand Prix national de lettres" sowie dem "Prix Flore" für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet. Seit den heftigen Debatten um seinen zweiten Roman "Elementarteilchen", der monatelang Platz eins der französischen Bestsellerliste besetzte, ist Huoellebecq ein Kultautor und gilt in Frankreich als wichtigste literarische Stimme seiner Generation. 2010 ausgezeichnet mit dem bgegehrtesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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