Nick Hornby - How to be Good

Originaltitel: How to be Good
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2001
309 Seiten, ISBN: 3426616904

Als Arzt ist man ganz automatisch ein guter Mensch. Schließlich beschäftigt man sich den ganzen Tag damit, wie man Menschen helfen kann. Gut, seinem liebsten Ehemann am Telefon zu sagen, dass man sich von ihm scheiden lassen will, um sich danach mit dem Liebhaber zu treffen, passt vielleicht nicht so ganz in das Schema des guten Menschen.

Aber dafür fängt ja plötzlich Katies Mann an, sein Leben umzukrempeln. Bisher waren sie einfach ein modernes britisches Ehepaar gewesen; gutes Einkommen, Katie der Teil des Paares mit dem festen Einkommen, David der Künstler, der seinen Teil zum Familieneinkommen mit dem Schreiben einer bösartigen Kolumne verdient, nebenbei an einem Roman schreibt, den seine Frau schrecklich findet, und sich um die Kinder kümmert. Aber nun plötzlich ist ihm das alles nicht mehr genug; sein Leben läuft in die völlig falsche Richtung, und er will etwas dagegen unternehmen.

Angefangen hatte das alles ganz harmlos. Denn eigentlich war er nur zu diesem Quacksalber gegangen, der ihm rasche und dauerhafte Lösung seiner Rückenprobleme versprach, weil er damit seine Frau, die Ärztin, ärgern wollte. Aber dieser DJ Goodnews macht mehr als nur die Hand aufzulegen, etwas Energie in die schmerzenden Körperstellen zu senden; er hat eine Vision, wie man ein besseres Leben führen kann.

Eine Vision, von der David sich sofort anstecken lässt. Aber sein eigenes Leben zu ändern genügt ihm nicht - nein, es muss gleich die ganze Familie sein, die bekehrt wird. Da werden die Weihnachtsgeschenke der Kinder einfach weggegeben, das Mittagessen, das für Katies einmal jährlich zu Besuch kommende Eltern gekocht wurde, soll den Armen serviert werden, und auch der Gedanke, dass seine Frau einen Liebhaber hatte, führt nicht zu den Konsequenzen, die eigentlich zu erwarten sind. Denn plötzlich befällt ihn die Erkenntnis, dass er seine Frau einfach nicht so geliebt hatte, wie sie es verdient hätte.

Aber das alles ist ja noch harmlos. Kurz darauf geistert DJ Goodnews nicht mehr nur durch die ständige Erwähnung durch David im Haus herum, sondern ganz und gar leibhaftig. Er zieht ein ins Haus der Familie. Und die Pläne zur Verbesserung der Welt schreiten voran: jeder in der Straße, der ein freies Bett hat, solle ein Straßenkind bei sich aufnehmen, träumen sie. Und setzen ihren Plan auch umgehend in die Wirklichkeit um.

Dass zu viel Gutes leicht dazu führen kann, dass es zu viel des Guten wird, kann David sich nicht vorstellen. Aber Katie erträgt es nicht länger....

und ich hätte es nicht eine Seite länger ertragen, dieses Buch zu lesen. Noch einmal die Bemerkung zu lesen "I´m a doctor. I´m a good person" hätte wahrscheinlich dazu geführt, dass ich das Buch zum Fenster hinauswerfen müsste. Weggelegt mit dem festen Entschluss, mir dieses Gejammer nicht eine Seite länger anzutun habe ich es jedenfalls oft genug; und wäre außen nicht "Nick Hornby" als Autor draufgestanden, dann hätte ich es auch bestimmt nicht doch immer wieder zur Hand genommen.

Denn irgendwie hofft man ja immer noch, dass da, wo Nick Hornby draufsteht, auch Nick Hornby drin ist. Pustekuchen. Auf den ganzen 250 Seiten fand sich genau eine einzige Stelle, die den alten Witz, Charme und den lakonischen Stil zeigte, den ich an Hornby eigentlich so liebe. Und diese Ausbeute ist einfach zu mager.

Ständig wird in diesem Buch darüber nachgedacht, ob man denn nun ein guter Mensch ist oder nicht, ob man so leben darf, wie man es tut - und die moralinsaure Verbissenheit, die der hier geschilderte David an den Tag legt, hat sich auch aufs Buch geschlagen. Ständig hatte ich das Gefühl: der Autor versucht mit dem Holzhammer, mir hier eine witzige Geschichte von einem Typen zu präsentieren, der plötzlich ein "guter Mensch" werden will, überzeichnet die SItuation völlig, aber gibt mir trotzdem immer wieder ein Bröckchen, an dem ich dann feststellen soll: Aber so ganz unrecht hat er trotzdem nicht damit, plötzlich Gutes tun zu wollen.

Dazu kommt noch, dass Hornby die Geschichte aus der Sicht einer Frau schreibt. Das ist ihm gründlich misslungen. An jeder einzelnen Zeile spürt man: hier will ein Mann sich krampfhaft in die Gedankenwelt einer Frau katapultieren, hat es aber noch nicht mal für nötig befunden, sich mit einigen zu unterhalten, um selbst zu erleben, wie Frauen miteinander umgehen.

Ich könnte noch stundenlang weitere Gründe aufzählen, warum Nick Hornby von mir freudig erwarteter Roman zu Enttäuschung des Jahres 2001 wurde. Aber ich denke, die Aussage, dass hier wohl ein Mann seine Midlife-Crisis schreibend zu überwinden versucht hat, und uns alle darunter leiden lässt, genügt…

Nick Hornby

Nick Hornby wurde 1957 geboren und lebt mir seiner Frau und seinem Sohn im Norden Londons. Er studierte in Cambridge und arbeitete als Lehrer, ehe er sich nach dem Erfolg von "Fever Pitch" in England ganz dem Schreiben widmen konnte. Hornby schreibt regelmäß9g für Sunday Times, Time Out, Times Literary Supplement.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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