Anne Holt - In kalter Absicht

Originaltitel: Det som er mitt
Krimi. Piper Verlag 2001
336 Seiten, ISBN: 3492044239

Ein kleines Mädchen verschwindet auf dem Nachhauseweg von der Schule spurlos. Wenige Tage danach ist es ein kleiner Junge, der nachts, als die Eltern schlafen, aus dem Schlafzimmer entführt wird. Eine Verbindung zwischen den beiden Fällen ist beim besten Willen nicht festzustellen; nur eines ist ihnen gemeinsam: um Gelderpressung wird es sich ziemlich sicher nicht handeln, dazu sind beide Familien nicht wohlhabend genug.

Dann kann es sich also nur um ein sexuell motiviertes Verbrechen handeln, ist die allgemeine Schlussfolgerung, mit der Inger-Johanne Vik in einer Talkshow konfrontiert wird. Und was sie dazu zu sagen habe? Schließlich hatte sie Jura studiert, danach in den USA ein Psychologiestudium abgeschlossen; und erst vor kurzem war sie mit ihrer Arbeit über Sexualstraftäter bekannt geworden. Nein, sie wäre ganz und gar nicht der Meinung, dass es hier nur eine einzige Motivation geben könne, entgegnet sie empört; und dann verlässt sie das Studio noch während der Aufnahmen.

Ihr Auftritt macht Furore, nicht nur von ihrer Mutter wird sie darauf angesprochen. Sie erregt auch das Interesse von Hauptkommissar Yngvar Stubo, der die Entführungsfälle bearbeitet. Rasch hat er Erkundigungen über sie eingezogen, erfahren, dass sie in ihren Jahren in den USA Erfahrungen als Profiler gesammelt hatte. Und das ist auch genau das, was er sich jetzt von ihr wünscht: ihre Mitarbeit an diesem Fall, ihre Kenntnisse der Psyche eines Verbrechers, um zu verhindern, dass noch mehr Kinder einfach verschwinden.

Aber Inger-Johanne ist nicht bereit, in einem Fall wie diesen mit der Polizei zusammen zu arbeiten. Ihr Status wäre ziemlich ungewiss, die norwegische Polizei hat noch keine Erfahrungen mit dieser Form der Verbrechensbekämpfung. Und außerdem geht ihr dieser Fall auch persönlich zu nahe - hat sie doch selbst ein kleines Mädchen zu Hause. Ein behindertes Kind, umso anfälliger für Verletzungen, nicht fähig, sich selbst zu verteidigen.

Und dann ist da noch ihre Forschungsarbeit, bei der sie auf einen seltsamen Fall gestoßen ist, der sie nachhaltig beschäftigt: in den 50er-Jahren war ein Mann verurteilt worden, ein achtjähriges Mädchen brutal ermordet zu haben. Zweifel an seiner Schuld wurden laut geäußert - bis zu seiner Verurteilung. Danach war kein einziger Kommentar mehr zu dem Fall zu lesen. Seine Gnadengesuche wurden ohne Begründung abgelehnt, und als eine Frau beginnt, sich für diesen Vorgang zu interessieren, muss sie feststellen, dass alle Unterlagen einfach verschwunden sind. Acht Jahre später meldet sich eine Frau; ihr behinderter Sohn war gerade gestorben. Und nun, da ihm keine Strafe mehr bevorstehen konnte, meldete sie, was einige Jahre zuvor die Verurteilung eines Unschuldigen hätte verhindern können: dass ihr Sohn in der fraglichen Nacht blutverschmiert nach Hause gekommen war...

Dass es zwischen diesen beiden isolierten Handlungssträngen einen Zusammenhang geben muss, ist dem versierten Krimileser natürlich von Anfang an klar. Und dass Inger-Johanne trotz ihrer Weigerung unaufhaltsam dann doch in den Fall mit den Kindesentführungen hineingezogen werden wird ebenfalls.

Aber was sie zur Lösung dieser Angelegenheit beiträgt, das hat sich mir bis zum Schluss nicht wirklich erschlossen; natürlich werden die üblichen psychologischen Fakten aufs Papier gebracht; dass es sich beim Täter sehr wahrscheinlich um einen Mann handle, weil Frauen zu Kindern nicht so grausam sein können; dass dieser Mann wohl nie eine Ausbildung wirklich zu Ende gemacht habe, dass er intelligent sei, dass er Kontaktschwierigkeiten habe, dass er wahrscheinlich ein auf den ersten Blick unauffälliges Sozialverhalten an den Tag legen würde. Und diese Erkenntnisse erschienen mir beim Lesen äußerst mager, da bin ich von anderen Krimiautoren spannenderes Hineinfühlen gewöhnt.

Dabei ist die psychologische Motivation ansonsten wirklich klasse herausgearbeitet; als Leser kennt man den Mörder, seine Gedanken, seine Emotionen. Nur seine Identität, die kennt man lange nicht.

Wieder einmal war das hier für mich ein Krimi, der weniger durch seinen Verbrechens- und Detektivplot bestochen hat, sondern meine Aufmerksamkeit durch die Rahmenhandlung gefesselt hat. Denn was über Inger-Johanne bekannt wird, diese im alltäglichen Leben recht durchschnittliche Frau mit dem behinderten Kind, mit dem der verantwortungslose Vater so viel besser zurecht kommt als sie selbst, die hat mich schon interessiert, auch ihr langsames Herantasten an den Polizisten, der ebenfalls eine traurige Vergangenheit mit sich herumschleppt.

Solide, gut zu lesen, auch spannend - wirklich gute Unterhaltung, aber kein atemberaubendes Highlight.

Anne Holt

Anne Holt, 1958 geboren, arbeitete als Fernsehjournalistin, bevor sie (was ihrer Aussage nach übertrieben ist) zur Stellvertretenden Polizeichefin von Oslo und später zur norwegischen Justizministerin berufen wurde. Ihre höchst erfolgreichen Romane "Das einzige Kind", "Im Zeichen des Löwen" und "Das achte Gebot" wurden mit den wichtigsten Krimipreisen ihres Landes ausgezeichnet. Anne Holt lebt in Oslo.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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