Patricia Highsmith - Zwei Fremde im Zug

Originaltitel: Strangers on a Train
Roman. Diogenes 2002
448 Seiten, ISBN: 3257064012

Wider Willen ist Guy fasziniert von der Bekanntschaft, die er da im Zug gemacht hat: Bruno Charles ist ein jung, augenscheinlich wohlhabend, und verwöhnt. Und: er hasst seinen Vater. So sehr, dass er ihm den Tod wünscht. Und rasch hat er eine geniale Idee entwickelt: Wenn er, Bruno, Guys Ehefrau ermorden würde, und dieser dafür seinen Vater: dann gäbe es nie eine Spur zu ihnen. Sie kennen sich nicht, sie sind Fremde, sie haben kein Motiv.

Guy geht nicht näher auf diesen Plan ein, er wehrt ihn als Gedankenspielerei ab. Und fährt, seine Frau zu besuchen, um mit ihr die Scheidung zu vereinbaren. Aber das ist es nicht, was sie will: sie will mit ihm mitkommen, nach Florida, will jetzt, wo er als Architekt den Durchbruch feiert, am Erfolg teilhaben. Ohne ihn; schweren Herzens lehnt er den prestigeträchtigen Auftrag ab, fährt zu seiner Freundin nach Mexiko - und erfährt ein paar Tage später, dass seine Frau tot ist. Ermordet. Die Tat eines Verrückten, anders kann man es sich nicht vorstellen. Sollte Bruno? Nein, es ist zu absurd, diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Doch es gibt bald keine andere Wahl: Bruno schreibt ihm - und macht eine unmissverständliche Anspielung. Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr; und was nun? Würde ihm jemand glauben, wenn er zur Polizei ginge? Hat er sich schon alleine durch das Anhören des Planes schuldig gemacht?

Guy schweigt. Aber Bruno nicht. Denn Bruno taucht immer wieder auf, empfindet sich als Bruder, als engsten Freund Guys - und er will, dass er seinen Teil des Planes erfüllt...

Das ist in groben Zügen die Handlung dieses Romans; aber das ist nur das Gerüst. Was das Buch noch 50 Jahre nach seinem Entstehen zu einer faszinierenden Lektüre macht, ist, was uns über Guys und Brunos Innenleben erzählt wird; über den verzweifelten Wunsch Brunos, von Guy akzeptiert, ja, geliebt zu werden. Trotz des genialen Planes, der darauf beruht, dass sie beide Fremde sind, kann er es einfach nicht lassen, Kontakt zu Guy aufzunehmen.

Und Guy? Guy wird von Schuldgefühlen zerfressen. Zu viel erzählt: schuldig. Geschwiegen, nachdem er es erfahren hatte: schuldig. Und schließlich: schuldig, irgendwann keinen Widerstand mehr leisten zu können.

Zwischendurch gibt es für den Leser zwar einige Längen zu überwinden; aber spätestens ab dem Zeitpunkt, da ihnen ein Privatdetektiv auf den Fersen ist, da kann man das Buch dann kaum noch aus der Hand legen: dieses langsame Einbrechen, der Verdacht, die Lügengebilde, in denen sich die beiden verstricken; man ahnt: das kann nicht gut ausgehen.

Es steckt in jedem von uns: das Gute, das Böse. Und jeder, aber wirklich jeder, ist zu einem Mord fähig - wenn er so weit getrieben wird. Ja, nachdem man dieses Buch gelesen hat, kann man diese Aussage nicht mehr als lächerlich abtun.

Eine Leseempfehlung!

Patricia Highsmith

Patricia Highsmith, geb. 19.1.1921 Fort Worth (Texas) - gest. 4.2.1995, Locarno (Tessin), begraben in Tegna (Tessin), studierte Literatur und Zoologie am Barnard College / New York. Erste Stories in der High-School-Zeit, erster Lebensunterhalt als Comic-Texterin, erster Welterfolg 1950 mit ihrem ersten (von Alfred Hitchcock verfilmten) Roman "Zwei Fremde im Zug". 1963 Übersiedlung nach Europa. Weitere Verfilmungen ihrer vielfach preisgekrönten Werke durch Claude Chabrol, Wim Wenders, Sydney Pollack und zuletzt Anthony Minghella.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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