Patricia Highsmith - Die stille Mitte der Welt

Originaltitel: --
Erzählung(en). Diogenes 2002
388 Seiten, ISBN: 3257064292

Fünfzig Laufmeter umfasst der literarische Nachlass Patricia Highsmith´s. Und aus dieser schöpferischen Fülle wurden nun erstmals einige Stories veröffentlicht, die die Autorin zwischen 1938 - 1949 geschrieben hat.

Naturgemäß sind nicht alle dieser Erzählungen gleich ansprechend. "Der Morgen des ewigen Nichts" erzählt von einem Mann, der sich bislang in seinem Leben wenig gegönnt hatte. Erst war die Familie zu unterstützen, und danach hatte er aus Gewohnheit weitergemacht. Bis er es nicht mehr ausgehalten hatte, und sich einfach in den Zug gesetzt hatte. Die Kleinstadt, in die es ihn verschlägt, hat für ihn den frischen Duft von Neuanfang; nichts kann seine Begeisterung zu Beginn trüben, er erfreut sich an den Nettigkeiten der Menschen, und lässt sich Zeit damit, sich wieder um einen festen Job zu kümmern. Statt dessen streift er lieber mit der zehnjährigen Freya durch die Umgebung; auch für ihn war es seltsam, dass ausgerechnet diese kleine Außenseiterin ihm zur Freundin werden sollte, aber als er dann merken muss, dass die Stadtbewohner sein Verhältnis zu ihr nicht mit der Unschuld betrachten, die es innehat, zerbricht die glückliche neue Welt, die er sich aufgebaut hat...

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Geschichte "Auf der Plaza" - ein mexikanischer Junge, Alejandro, lernt schon in frühester Kindheit, dass sein Charme ihm mehr als nur hilfreich sein kann, den amerikanischen Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Während andere Kinder den Touristen die Taschen tragen müssen, um an die begehrten Geldscheine und Münzen zu kommen, brauchte er sie nur strahlend anzulächeln. Eine Gabe, die er sich zunutze machte, englisch bald ebenso lernte wie spanisch, und es verstand, sich bei den Touristen nachhaltig bekannt zu machen. In Rivalität stand er dabei natürlich zu den anderen Kindern des Dorfes, und auch zu seinem älteren Bruder. Aber wirkliche Konkurrenz war ihm keiner; niemand konnte so wie er mit den Touristen umgehen. Und bald wuchs sein Ehrgeiz darüber hinaus, nur immer den Clown für die Reisenden zu spielen; seine Ambitionen gingen weiter hinaus. Er wollte eine Amerikanerin heiraten, eine reiche Frau natürlich, die ihm dann einen sorgenfreien Lebenswandel garantieren sollte. Doch zunächst scheinen seine Anstrengungen nicht von Erfolg gekrönt zu sein; bis er auf eine alleinreisende Frau trifft, die ihn in ihrem Kabrio mitnimmt...

Es sind vor allem Psychogramme, die hier gezeichnet werden; sei es von der gehetzten Großstädterin, die Besuch erwartet, den sie dann gar nicht genießen kann, weil die Angst überwiegt, es könnte nicht gut genug sein, was sie anzubieten hat; oder auch die Einsamkeit eines Mannes, der Abend für Abend in der Hotelbar sitzt und seine Drinks schlürft - in der Hoffnung, eines Tages der Frau zu begegnen, die imstande ist, in von dieser Gleichförmigkeit zu erlösen.

Menschen, die in Extremsituationen geraten, die so extrem von außen betrachtet gar nicht scheinen; und genau dieses Spiel, das sie auch in ihren späteren Romanen so meisterhaft schildert, zieht den Leser auch in der kurzen Form in den Bann: was hat man eigentlich mehr zu fürchten - die Welt da draußen, oder das, was in einem selbst steckt? denn nicht nur einer hier zerbricht nicht an Bedrohungen von außen, sondern daran, mit sich selbst nicht fertig zu werden.

Leider ist fast durch die Bank zu sagen, dass die Auflösungen der einzelnen Geschichten zu wünschen übrig lassen. Allzuoft wird hier, statt ein Ende offen zu lassen oder eine überzeugende psychologische Handlung darzustellen mit dem Tod geendet. Sei es nun Selbstmord oder Mord im Affekt; es ist doch die "billigere" Variante.

Das Nachwort von Paul Ingenday erhellt die Schaffensprozesse für den Leser noch etwas, vermittelt ein Gefühl dafür, wo und warum so manche Geschichte vielleicht entstanden sein mag.

Zwar ziehe ich prinzipiell auch weiterhin vor, einen gut geschriebenen vollständigen Roman der Autorin zu lesen las Kurzgeschichten, aber diese hier vorliegenden kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen!

Patricia Highsmith

Patricia Highsmith, geb. 19.1.1921 Fort Worth (Texas) - gest. 4.2.1995, Locarno (Tessin), begraben in Tegna (Tessin), studierte Literatur und Zoologie am Barnard College / New York. Erste Stories in der High-School-Zeit, erster Lebensunterhalt als Comic-Texterin, erster Welterfolg 1950 mit ihrem ersten (von Alfred Hitchcock verfilmten) Roman "Zwei Fremde im Zug". 1963 Übersiedlung nach Europa. Weitere Verfilmungen ihrer vielfach preisgekrönten Werke durch Claude Chabrol, Wim Wenders, Sydney Pollack und zuletzt Anthony Minghella.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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