Patricia Highsmith - Der Junge, der Ripley folgte

Originaltitel: The Boy Who Followed Ripley
Krimi. Diogenes 1980
495 Seiten, ISBN: 3257206496

Schon seit vielen Jahren führt Tom Ripley sein ruhiges, beschauliches Leben in Frankreich. Die glückliche Ehe mit seiner Heloise, die Pflege seines Gartens, der Kauf von schönen neuen Möbelstücken genügt ihm als Lebensinhalt durchaus - und zwischendurch hat es in der Vergangenheit ja immer wieder Grund zur Aufregung gegeben, sei es, dass er die Aufdeckung eines großangelegten Malereischwindels vereiteln musste, oder sich mit Mafiosi herumschlagen musste.

Als nun ein junger Amerikaner in seinem Dorf auftaucht, ist Ripley zu Recht misstrauisch. Warum weiß dieser Junge so genau Bescheid, wo er wohnt, was er macht? Er hätte diesen Namen in diversen Zeitungen gelesen - unter anderem in Zusammenhang mit der Derwatt-Affäire, erklärt der Junge ihm. Und offenbart ihm auch kurz darauf, was ihn wirklich hierher getrieben hat: er hat seinen reichen Vater getötet.

Nein, Zeugen gäbe es keine, auch keinen Verdacht. Nur das Hausmädchen behauptet, etwas gesehen zu haben, aber bislang wird ihr kein Glauben geschenkt. Das Problem liegt also viel mehr an seinem eigenen schlechten Gewissen - und da ist er bei Tom Ripley gut aufgehoben, denn wenn einer weiß, wie man trotz blutiger Hände gut schläft, dann er.

Ripley will dem Jungen helfen, damit dieser sein normales Leben in den Staaten wieder aufnehmen kann. Um ihm den Abschied zu erleichtern, reist er für ein paar Tage mit ihm nach Berlin - und hier wird der Millionenerbe plötzlich entführt...

Zwar ist die Grundidee dieses Krimis für mich etwas an den Haaren herbeigezogen - warum der Junge nun tatsächlich bei Ripley auftaucht, klang nicht überzeugend, aber noch weniger die plötzliche und überraschende Entführung in Berlin. Klar, sie hatte schon zuvor Andeutungen eingestreut, dass verschollene Millionärssöhnchen auch gut ein Opfer von Entführungen werden können, aber wie nun gerade diese Bande in Berlin, noch dazu an diesem speziellen Ort im Grunewald, auf die Idee kommt, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Aber als Liebhaber der Ripley-Krimis sieht man über so etwas hinweg.

Und der Rest des Romans entschädigt ja auch wie immer dafür - gut geschrieben, schön beobachtet, und von der interessanten Perspektive des Täters aus geschildert.

Patricia Highsmith

Patricia Highsmith, geb. 19.1.1921 Fort Worth (Texas) - gest. 4.2.1995, Locarno (Tessin), begraben in Tegna (Tessin), studierte Literatur und Zoologie am Barnard College / New York. Erste Stories in der High-School-Zeit, erster Lebensunterhalt als Comic-Texterin, erster Welterfolg 1950 mit ihrem ersten (von Alfred Hitchcock verfilmten) Roman "Zwei Fremde im Zug". 1963 Übersiedlung nach Europa. Weitere Verfilmungen ihrer vielfach preisgekrönten Werke durch Claude Chabrol, Wim Wenders, Sydney Pollack und zuletzt Anthony Minghella.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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