Willem Frederik Hermans - Nie mehr schlafen

Originaltitel: Nooit meer slapen
Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag 2002
317 Seiten, ISBN: 3378006455

Der Geologie-Student Alfred Issendorf hatte große Erwartungen an sich selbst. Sein Vater war bei einer Forschungsreise ums Leben gekommen, und wenn er auch nicht das selbe Fach eingeschlagen hatte wie er, wollte er ihn doch auf alle Fälle mit seinem eigenen akademischen Ruhm nachträglich noch ehren.

Die Voraussetzungen waren günstig: im Studium hatte er bislang glänzende Ergebnisse erzielt, sein Professor unterstützte ihn, und sein Forschungsprojekt für den Sommer klang in seinen Ohren auch sehr vielversprechend: er wollte sich einer norwegischen Exkursion in die Finnmark anschließen, um die Theorie seines Professors zu beweisen, dass bestimmte Seen in der Finnmark durch Meteoriteneinschläge entstanden.

Doch als er bereits unterwegs ist, läuft es nicht mehr so glatt. Schon bei seiner ersten Station scheitert er daran, die Luftaufnahmen zu erhalten, die er so dringend für seine Exkursion gebraucht hätte; er wird mehrmals herumgeschickt, um dann erst recht ohne Ergebnis weiterreisen zu müssen. Als er zu seinen Expeditionsteilnehmern stößt, die er zum Teil schon von früher kennt, fühlt er sich rasch überflüssig: Die anderen haben für die nötige Ausrüstung gesorgt, wissen, wie man ein Zelt aufbaut, sind flink und effizient, und packen seinen Rucksack viel leichter als den eigenen.

Der Eindruck, nur ein Klotz am Bein zu sein, verstärkt sich noch, als sie endlich wirklich unterwegs sind; er, der Untrainierte, schafft es nicht, das Tempo der anderen mitzuhalten, er stolpert an Flussübergängen, er kann nichts zur Versorgung beitragen - all das ist nicht gerade geeignet, seine Laune zu heben.

Und als er dann noch merkt, dass einer der anderen die Luftbildaufnahmen dabei hat, die er so dringend benötigen würde, beginnt er sich als Opfer einer Verschwörung zu sehen, und bringt mit seinen unüberlegten Handlungen seinen Freund in Lebensgefahr...

Nicht nur die Schilderung einer Forschungsreise in eine unwirtliche, fremde Landschaft macht den Reiz dieses Buches aus (obwohl die Lektüre allen Nordländer-Freunden aufs dringendste angeraten wird) - was mich besonders fasziniert hat war der Charakter dieses Studenten. Alfred ist nicht besonders sympathisch, er nervt unheimlich mit seinem Selbstmitleid, und auch wenn man noch nie an einer Freilandexpedition teilgenommen hat möchte man ihm anraten, doch erstmal wieder nach Hause zu fahren, ein bisschen Kondition anzutrainieren, und sich ein bisschen mit den praktischen Seiten vertraut zu machen. Aber noch nicht mal seine theoretischen Überlegungen hat er ja richtig vorbereitet - wer bricht denn auf, ohne sich erst gründlich darüber zu informieren, wie man seine theoretischen Überlegungen in der Praxis beweisen könnte?

Das alles dämmert Alfred während dieser Reise auch allmählich - und zu lesen, wie er sich selbst demontiert, wie er von seiner Überzeugung, gut zu sein, Schritt für Schritt abweichen muss, um am Ende zu lernen, wofür er wirklich begabt ist - das ist großartig zu lesen.

Es sind gerade die unterschiedlichen Denkansätze, die auf griffige Weise formuliert werden, die dieses Buch zu einem wirklichen Lesegenuss werden lassen. Der Autor war längere Zeit in Vergessenheit geraten, im Aufbau Verlag werden derzeit einige Titel neu aufgelegt - und dieses war bestimmt nicht das letzte Buch des Autors, das ich lesen werde!

Willem Frederik Hermans

Willem Frederik Hermans (1921-1995) gehört zu den modernen Klassikern der niederländischen Literatur. Er studierte Physische Geographie, promovierte auf diesem Gebiet und lehrte bis 1973 an der Universität Groningen. Während des Zweiten Weltkriegs begann Hermans zu schreiben. Zu seinen herausragenden Werken gehören "De tranen der acacia´s" (1949) und "De donkere kamer van Damokles" (1958, deutsch 2001). Neben mehreren Romanen veröffentlichte Hermans Gedichte, Dramen, Erzählungen und Essays. Der Autor ist mit zahlreichen Literaturpreisen bedacht worden, die er jedoch zumeist ablehnte. Seine Werke sind in den Niederlanden Schullektüre.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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