Henning Mankell - Daisy Sisters (Gelesen von Axel Milberg)

Originaltitel: De Daisy Sisters
Hörbuch - Roman. Zsolnay Verlag 2009
6 CDs, ISBN: 3867177333

Bei Hörbüchern wähle zumindest ich nicht nur danach aus, ob der Autor / die Inhaltsangabe mich locken, sondern auch, wem ich in den nächsten Stunden zuhören darf. Vor vielen Jahren habe ich eines meiner Lieblingsbücher, "Mein Herz so weiß" von Javier Marias, von Axel Milberg vorgelesen bekommen. Seither warte ich immer wieder darauf, dass ein Hörbuchverlag den Tatort-Kommisar wieder zeigen lässt, dass er nicht nur Krimis kann - leider vergebens.

Henning Mankell aber, der ja hauptsächlich für seine Wallander-Krimis bekannt ist, gilt wohl auch bei Nicht-Krimis als Milberg-geeignet, und so hatte ich das Vergnügen, seiner Stimme mal wieder länger lauschen zu können. Das alleine hat sich schon gelohnt.

Aber auch die erzählte Geschichte hat mich rasch in den Bann gezogen. Es beginnt 1941 - Elna, ein junges Mädchen, hat eine Brieffreundin im Süden des Landes. Und in diesem Sommer wollen sie sich das erste Mal sehen, eine lange Fahrradtour gemeinsam unternehmen, sich endlich nicht mehr nur in Briefen austauschen. Es gelingt mühelos, die Vertrautheit aus den Briefen auf die gemeinsame Gegenwart zu übertragen; singend und lachend verbringen sie die Zeit, nennen sich selbst die "Daisy Sisters".

Es herrscht Krieg; als sie sich bei ihrer Tour der Grenze nähern, werden sie aufgehalten, lernen zwei Soldaten kennen, mit denen sie dann einen Abend verbringen. Ein Abend mit Alkohol - den Elna nicht gewöhnt ist. Aber ein souveräner Umgang mit Alkohol ist nicht das Einzige, was Vivy Elna voraus hat. Sie weiß auch, wie sie einen zudringlich werdenden Mann auf Distanz halten kann - was Elna nicht gelingt. Der Abend endet für sie in einer unschönen Vergewaltigung, von der sie aber nicht mal Vivy erzählen kann.

Es gibt aber keine Möglichkeit für sie, den Abend einfach zu vergessen - denn wenig später muss sie mit Entsetzen feststellen, dass sie schwanger ist. Ein Abtreibungsversuch schlägt fehl - und sie, mit ihren großen Träumen, ihrem Aufbruch von zu Hause, weg in ein selbstbestimmtes Arbeitsleben, landet wieder in der elterlichen Wohnung.

Als Leser bzw. Zuhörer trifft man Elna dann erst 17 Jahre später wieder. Da ist sie dann verheiratet, Eivor ist das einzige Kind geblieben - ein bildhübsches, intelligentes Mädchen mit hochfliegenden Träumen und großen Konflikten mit der Mutter. Kein Wunder, dass sie den Versprechungen des jungen Ausreißers glaubt, der sich bei ihrem stets betrunkenen Nachbarn Anders eingenistet hat. Ein erstes Mal endet es für sie noch glimpflich - er verschwindet, lässt sie nur mit Liebeskummer zurück. Doch er kommt zurück - mit einem Auto, wie er es gesagt hatte, und nimmt sie mit. Eine Fahrt, die ganz anders verläuft, als es den glamourösen Träumen des Mädchens entsprochen hatte; das Auto ist gestohlen, und um Geld zu erpressen, will er Eivor als Lockvogel benutzen. Doch der Plan geht schief, es gibt einen Toten - und mit viel Glück kommt Eivor mit einem blauen Auge davon.

Es scheint, als würde sich danach alles zum Positiven wenden. Eivor beginnt eine Schneiderlehre, das Verhältnis zur Mutter bessert sich; danach zieht sie in die Stadt, fängt in einem Betrieb zu arbeiten an, lebt frei und selbständig, geht aus, trinkt, lacht, tanzt - und verliebt sich auch, zumindest ein wenig. Es dauert auch ein wenig, bis Eivor feststellt, dass sie sich eigentlich in allem nach seinen, Stavans, Wünschen richtet. Und schon ihr erster kleiner Ausbruchversuch, sich nämlich für einen anderen Film als den von ihm ausgewählten zu entscheiden, hat Folgen - es ist anders danach in dieser Nacht, weniger zärtlich - und Stavan benutzt kein Kondom. Kurz darauf weiß sie Bescheid: auch sie wird ungeplant ein Kind bekommen.

Doch anders als ihre Mutter heiratet sie den Kindsvater, arrangiert sich auch mit seiner zunehmenden Gewaltbereitschaft, schließt die Augen davor, dass er sie ziemlich sicher betrügt. Dafür sieht sie dann für sich eine neue Chance - sie könnte wieder zu arbeiten beginnen, vielleicht doch noch ihre Träume ein Stück weit verwirklichen. Aber noch bevor es dazu kommt, ist sie erneut schwanger.

Die Ehe hält nicht; Eivor bricht aus, zieht mit den Kindern nach Göteborg, lebt dort als alleinerziehende Mutter, aber sie schafft es, sich und die Kinder alleine durchzubringe. Sie haben kein so schlechtes Leben; und wieder fängt sie langsam an, sich nochmal neu zu orientieren, glaubt, dass sie es jetzt vielleicht doch noch schaffen könnte, zu studieren, Dinge, die einst ihre Mutter für sie gewünscht hatte.

Da taucht ein Mensch aus der Vergangenheit bei ihr auf, der längst vergessen war, den sie aber trotzdem sofort wieder erkennt: ihr alter Verführer, dem sie einst im gestohlenen Auto gefolgt war. Und wieder reagiert sie ganz anders, als es die Vernunft gebietet, und stellt sich damit selbst ein Bein…

Es ist hauptsächlich die Geschichte Eivors, die man hier von Teenagerzeiten bis ins Alter von 40 Jahren miterlebt; ihren Aufbruch in ein Leben, das es ihr selbst ermöglichen soll zu bestimmen, was sie will. Dabei ist sie ein Symbol dafür, welche Möglichkeiten sich Frauen in dieser Zeit in Schweden öffneten (bzw. dann eben auch wieder verschlossen). Mankell zeichnet hier ein Bild der schwedischen Arbeitergesellschaft in Zeiten des Aufschwungs und der Industrialisierung sowie dann gegen Ende der Wirtschaftskrise - die äußeren wirtschaftlichen Bedingungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Romans und haben für mich auch einiges von dessen Reiz ausgemacht.

Denn alleine die Geschichte der Frauen hätte mich irgendwann vielleicht gelangweilt - zu häufig wiederholt sich das Muster der ungewollten Schwangerschaft, zu oft ordnen die Frauen sich einfach den Wünschen der Männer unter, begehren nicht auf, auch wenn ihnen Gewalt angetan wird. Wobei ich es sehr geschickt fand, wie Henning Mankell hier zeigt, dass körperliche Gewalt nur die eine Seite ist, und subtile Herabwürdigung, Reduzierung auf die Mutterrolle und stillschweigendes Zuschieben der häuslichen Aufgaben sich mindestens genauso verheerend auswirkt.

"Daisy Sisters" wurde in Schweden bereits 1982 veröffentlicht, also vor dem großen Erfolg der Wallander-Krimis. Es zeigt einerseits einen Autor, der hier wie dort gute Milieuszenen beschreiben kann, aber darüber hinaus hier auch einen einfühlsamen Beobachter zwischenmenschlicher häuslicher Probleme. Mich hat dieser Roman, nachdem ich zuletzt von den Wallander-Büchern nicht mehr so angetan war und die Afrika-Romane eher weniger schätze, wieder stärker von den Qualitäten des Autors überzeugt.

Henning Mankell

Henning Mankell, 1948 in Häjedalen geboren, ist einer der angesehensten Schriftsteller Schwedens. Er lebt als Regisseur und Autor in Maputo / Mosambik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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