Originaltitel: 101 Reyjkavík
Roman. Klett Cotta 2002
439 Seiten, ISBN: 3608930698
Wenn man nur liest, wovon das Buch handelt, dann kann es dem Leser vielleicht so ergehen wie mir: Die Geschichte eines beinahe-dreißigjährigen, der noch bei seiner Mutter wohnt, keine Lust hat zu arbeiten und es schon als reife Tgesleistung betrachtet, noch bei Tageslicht aus dem Bett zu kommen, der das Szeneleben in seiner nordischen Stadt, Reyjkavík, aus vollen Zügen genießt, sich aber nicht mit Beziehungen abgeben will - und der sich plötzlich damit konfrontiert sieht, dass die Frau, die "nur über Weihnachten" bei ihnen eingezogen war und mit der er eine heiße Silvesternacht verbracht hat plötzlich die Frau ist, in die seine Mutter sich verliebt hat, klingt durchaus nach interessantem Lesestoff. Vor allem, wenn man dazu noch weiß, dass diese Frau, Lolla, auch noch schwanger ist - und er mehr als nur eine Ahnung hat, dass er für diese Schwangerschaft verantwortlich zeichnet.
Aber nicht nur für diese eine Schwangerschaft - eigentlich sind es gleich drei. Seiner Schwester hatte er eine Pille versteckt - und prompt damit Schicksal gespielt, und außerdem hats auch noch bei Hófí eingeschlagen, der Frau, mit der er immer mal wieder nach einer Party gemeinsam nach Hause geht, um sich dann davonzustehlen, sobald sie eingeschlafen ist.
Aber leider hat mir die Sprache und Erzählweise jegliche Lust an der Lektüre verdorben. An eine gewollt-sexistische Lesart kann man sich ja noch gewöhnen, auch wenn mich eigentlich recht wenig interessiert, welcher Teil des Protagonisten morgens als erstes erwacht. Das gehört zum Charakter dieses Protagonisten dazu, macht zwar nicht wirklich Spaß, aber es passt. Viel viel schlimmer sind lange Dialoge, die auf "er sagte / ich sagte"-Basis geführt werden, Dialoge, die zudem auch noch genau das sinnlose Geschwafel wiedergeben, das in Nachtlokalen eben abgesondert wird, unter Alkoholeinfluss und gegen laute Musik anschreiend. Passt auch zum Buch, aber - ist schrecklich mühsam und langweilig zu lesen.
Leider erspart uns der Autor aber auch gar keine Assoziation, die ihn zum Beispiel beim Betreten eines Badezimmers befällt. "Gilette- nett im Bett" ist nur ein Beispiel dafür. Metaphernverliebt ist er zudem auch noch, und was er hier bemüht, tut oftmals fast körperlich weh.
Die Verfilmung dieses Buches ist wirklich gelungen - unterhaltsam, witzig, ironisch, ein Indie-Film, den zu sehen sich lohnt. Aber als Lektüre, als Lesevergnügen kann ich das Buch beim besten Willen nicht bezeichnen. Vielleicht lässt sich der typisch isländische Humor auch nicht so einfach ins Deutsche übertragen, vielleicht bin ich für dieses Buch zu konventionell - worin die Ursache auch liegen mag, es hat mir nicht gefallen. Schade!
Hallgrímur Helgason, Jahrgang 1959, studierte zunächst Malerei in München, Paris und New York, wo er mehrere Ausstellungen hatte, und fing dann an zu schreiben. Vier Romane sind bisher veröffentlicht und ein Gedichtband. Er zeichnet eine Comic-Serie für eine isländische Zeitung, hat zwei Bühnenstücke geschrieben und macht gern den stand-up-comedian. Sein Roman "101 Reykjavík", mittlerweile in 12 Sprachen übersetzt, wurde 1998 mit dem angesehenen Nordic Council Prize ausgezeichnet; auch der gleichnamige Film wurde mehrfach preisgekrönt. Dieses Jahr erhielt er den Icelandic Literary Prize, die höchste Auszeichnung für nordische Literatur.
©26.06.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2009 LESELUST Daniela & Markus Brezing