Veit Heinichen - Die Toten vom Karst

Originaltitel: Die Toten vom Karst
Krimi. Zsolnay Verlag 2002
365 Seiten, ISBN: 3552051821

Triest leidet unter der Bora nera - eisigem Sturm, Regen- und Schneefällen; ein Wetter, das Proteo Laurentis Stimmung wiederspiegelt. Gerade erst hatte seine Frau Laura ihm eröffnet, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gäbe und sie sich erst klar werden müsse, was sie eigentlich wolle - daher werde sie für ein paar Tage zu ihrer Mutter fahren.

Und dann kommt noch ein besonders scheußlicher Fall auf ihn zu: ein Haus wird in die Luft gesprengt. Eine ganze Familie einfach so ausgelöscht; die Frau war gerade schwanger. Niemand will etwas gesehen haben. Und vor allem: keiner kann sich vorstellen, welches Motiv dahinterstecken könnte. Denn Manlio Gubian ist wohl angesehen und wohl gelitten; sein Geschäft läuft gut, seine Geschäftsbücher deuten nicht auf rechtswidrige Kontakte hin.

Als ein paar Tage später ein Mann tot aufgefunden wird, beginnt Laurenti, diese scheinbar völlig voneinander losgelösten Fälle in Verbindung zu bringen. Denn der Mann, der tot aufgefunden wurde, wurde an sehr geschichtsträchtiger Stelle ermordet: im Karst, an einer Foiba, einer Felsspalte, die in den schwarzen Zeiten Italiens und Istriens viele Opfer geschluckt hatte; Kommunisten, Italiener, Slawen - es gab Rachefeldzüge, Denunziationen, und bis heute weiß keiner so recht, wie viele Opfer es damals tatsächlich gab.

Nur in den Geschichten mancher älterer Menschen ist diese Zeit noch lebendig; auch Nicolettas Vater erzählt ihr immer wieder vom Tod seiner Schwester, die damals ebenfalls zum Opfer wurde. Und er glaubt auch zu wissen, wer daran schuld ist: Antonio Gubian. Und eines Tages wird er sich auch rächen, das weiß er gewiss; aber bis dahin macht er mit ihm Geschäfte. Und schmuggelt zwischen Italien und Kroatien.

Geschichte, auch wenn sie totgeschwiegen wird, prägt doch bis in die Gegenwart die Handlungen der Menschen. Veit Heinichen schildert in diesem Krimi ein ziemlich dunkles, wenig bekanntes Kapitel der europäischen Geschichte. Es dient zwar hauptsächlich als Hintergrund, als Motiv - mehr von einem Krimi zu erwarten, wäre auch zu viel verlangt.

Und natürlich spielt das Privatleben des Polizisten, Proteo Laurenti, eine große Rolle. Seine Frau ist schuld, befindet er - schuld daran, dass es ihm so schlecht geht, dass er das Falsche isst, dass die Wohnung zunehmend einem Müllhaufen gleicht - und natürlich auch schuld daran, dass sein Sohn Marco in letzter Zeit überall da aufzutauchen scheint, wo es Ärger gibt.

Dieses Macho-Gehabe hat mich dann zwischenzeitlich auch ziemlich genervt; denn als Revanche taucht natürlich eine atemberaubende Kollegin auf, die ihm ohne viel Kampf an den Hals fällt. Was mich allerdings wieder versöhnt hat, waren die herrlich zynischen Kommentare des Gerichtsmediziners.

Gut und spannend zu lesen, bleibt am Ende doch ein etwas schaler Nachgeschmack, weil die Auflösung gar zu abrupt kommt, und für mich auch nicht wirklich schlüssig erscheint.

Veit Heinichen

Veit Heinichen, geboren 1957, arbeitete als Buchhändler und für verschiedene Verlage. 1994 war er Mitbegründer des Berlin Verlags und bis 1999 dessen Geschäftsführer. Er kam 1980 zum ersten Mal nach Triest, wo er heute lebt. Unter dem Titel Grenzgänge berichtete er für die Badische Zeitung aus der Hafenstadt an der nördlichen Adria.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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