Elke Heidenreich - Der Welt den Rücken

Originaltitel: Der Welt den Rücken
Erzählung(en). Rowohlt Verlag 2001
191 Seiten, ISBN: 3499232537

Ein inniges Verhältnis zu ihrer Mutter kann man ihr ja nicht gerade vorwerfen; aber aus Pflichtbewusstsein besucht sie sie dennoch regelmäßig, macht Behördengänge für sie, oder den Großeinkauf bei Aldi. Aber kein Treffen vergeht ohne Sticheleien; "Na also, geht doch" ist als hohes Lob zu werten. Die dauernden Männergeschichten erinnern sie an den Vater, der schon seit langer Zeit tot ist. Damals, im Krieg, bevor er zurückkam - das wäre die beste Zeit ihres Lebens gewesen, wiederholt sie immer wieder. Eigentlich könnten sie sich ja wohl auch gut verstehen - die Mutter hat Humor, einen scharfen Verstand, aber sie beide schaffen es nicht, ohne die Altlasten miteinander umzugehen.
Und nun will sie mit nach Italien. Ausgerechnet! Jetzt, wo sie gerade frisch und heftig verliebt ist - in eine Frau. So was kann man einer Mutter nicht begreiflich machen. Wie sollte eine 80jährige das verstehen!
Erst die Briefe und Fotos, die sie nach dem Tod der Mutter in der Wohnung findet, bringen ans Licht, worüber nie gesprochen wurde.

Diese erste Geschichte "Die schönsten Jahre" sprüht geradezu vor Lebendigkeit, hintergründigem Humor - und vermag durch die unprätentiöse Erzählweise zu rühren, ohne dabei sentimental zu werden. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, ihre Unfähigkeit, einander jenseits der Rolle wahrzunehmen, ist so großartig geschildert, dass ich nur jedem empfehlen kann: lesen!

In "Silberhochzeit" haben Ben und Alma ihre Freunde zu einem Abendessen eingeladen, um mit ihnen zu feiern. Sie beide sind das einzige Pärchen, das schon seit so langer Zeit zusammen lebt. Und keiner kann so feiern wie sie - so stilvoll und großzügig. Was Ben Alma auch sagt, während diese noch mit den Vorbereitungen beschäftigt ist. Die Freunde treffen ein - die, die ihr am Herzen liegen, und auch ihre Begleitungen, die sie weniger schätzt. Das Tischgespräch dreht sich um die Vergangenheit. Anekdoten werden ausgetauscht; eine Belastungsprobe für die neuen Partner, die damals noch nicht dabei waren, die auch widerwärtig finden, was sie hier erzählt bekommen. Am Ende trennen sich zwei Paare - und einer erzählt von seinem bevorstehenden Tod.

Auch hier wird gänzlich unaufgeregt von einem ganz normalen Abendessen berichtet; eine Zusammenkunft, wie sie jeder kennt. Und auch die Gespräche, die geführt werden, kennt man. Dass Alma sich von Ben trennen wird, diesen Entschluss fasst, entwickelt sich langsam über den ganzen Abend hinweg - als würde Schicht für Schicht ein Schutzschild fallen, bis sie an ihrem eigenen Kern angelangt ist.

Auch die anderen Geschichten in diesem Erzählband sind lesenwert; von der Qualität reicht jedoch keine mehr an die ersten beiden Erzählungen heran. Aber alleine deretwegen lohnt es sich bereits, bei diesem Buch zuzugreifen!

Elke Heidenreich

Elke Heidenreich, 1943 geboren, war Moderatorin verschiedener Talkshows wie "Kölner Treff" oder "Live aus der alten Oper" und schrieb 17 Jahre die Brigitte-Kolumne. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche Buchautorin. Seit dem Frühjahr 2003 hat sie eine eigene Fernsehsendung: "Lesen!" rannte beim Publikum offene Türen ein.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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