Yael Hedaya - Zusammenstöße

Originaltitel: Te unot
Roman. Diogenes 2003
751 Seiten, ISBN: 3257233078

Seit dem Tod seiner Frau macht die Schulkrankenschwester seiner Tochter Jonathan schöne Augen. Nicht, dass er das etwa bemerken würde - er ist so in seiner Traumwelt gefangen, in seiner stillen Trauer, ist nicht einmal mehr fähig, zu schreiben. Nur für seine Tochter Dana wäre es an der Zeit, so seine Überlegung, wenn er wieder eine Frau im Haus hätte, wenn sie nicht mit ihm alleine sein müsste. Das spürt er besonders, wenn er sie mit ihrer besten Freundin und deren Mutter Ruth erlebt, eine ebenfalls alleinstehende Frau.

Aber nicht in sie verliebt er sich, sondern in Schira - die er bei einem von Ruths Abendessen kennen lernt. Schira ist ebenfalls Schriftstellerin, gerade sehr erfolgreich; nach einigen Anlaufphasen wagen sie es, sich tatsächlich auf etwas so unsicheres wie eine neue Beziehung einzulassen.

Sie sind beide gebrannte Kinder, haben beide auch zu lange alleine gelebt, um sich jetzt wie mit zwanzig einfach in die Beziehung fallen lassen zu können; und trotzdem versuchen sie es.

Mit der Entscheidung füreinander alleine ist es aber nicht getan; da ist immer noch Jonathans Schreibblockade und Schiras Erfolg, die für Spannungen sorgen; Schiras Vater erkrankt schwer, Dana kommt in die Pubertät, und nicht immer führt eine gemeinsam durchstandene Krise zu einer festeren Bindung...

Die Thematik dieses Buches interessiert mich; die Beziehungsprobleme eines reiferen Paares, die Bedenken, die jeder davon hat, die Unsicherheiten, das Zaudern - und all das wird ja auch sehr ausführlich in diesem Roman behandelt.

Aber leider wird es für meine Begriffe viel zu ausführlich behandelt. Um es kurz und griffig zu formulieren: es wird sehr viel gedacht und wenig getan; dass man dann die einzelnen Szenen in relativ ähnlichen Worten aus allen Perspektiven vorgesetzt bekommt, war für meinen Lesegenuss nicht gerade förderlich.

Mein größter Kritikpunkt ist aber die Auswechselbarkeit der Figuren: Jonathan und Schira erhalten keine eigenen Stimmen. Wie auf dem Reißbrett wurden seine und ihre Argumente festgelegt; nur anhand der Vorgeschichte kann man die Überlegungen der beiden zuordnen, ansonsten sind sie von Ton und Art her austauschbar.

Das bedaure ich umso mehr, als ich diese Schriftstellerin wirklich schätze, und der festen Überzeugung bin, dass sie großes Talent zum Geschichtenerzählen hat. Ich persönlich wünsche mir, dass sie sich in ihrem nächsten Buch wieder etwas kürzer fasst und dafür die wunderbare Leichtigkeit von Liebe pur wieder aufnehmen kann. Gerade für Leser mit etwas mehr Geduld kann ich das Buch aber dennoch empfehlen.

Yael Hedaya

Yael Hedaya wurde 1964 in Jerusalem geboren. Sie studierte Philosophie und Anglistik in Jerusalem und Kreatives Schreiben in New York. Heute arbeitet sie als Journalistin für verschiedene israelische Zeitschriften und wohnt in Tel Aviv.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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