Mo Hayder - Die Behandlung

Originaltitel: The Treatment
Krimi. Goldmann Verlag 2002
510 Seiten, ISBN: 3442308704

Familie Peach wollte für ein paar Tage wegfahren – keiner der Nachbarn hatte sich also etwas dabei gedacht, dass sie tagelang nicht aus dem Haus gekommen waren. Nur durch Zufall, einen Hund, der plötzlich wie verrückt zu bellen beginnt, als das Herrchen mit ihm spazieren geht, finden sie sie: die Mutter, die sich, verrückt vor Sorge, die Arme blutig gekratzt hat; den Vater, Alek, schwerstverletzt – nur der Sohn, Rory, fehlt. Nach ihm wird jetzt fieberhaft gesucht; Spürhunde zeigen seinen Weg in den Park hinein, doch dann verlieren die Hunde die Spur, nur eines scheint gewiss: er muss noch in diesem Park sein.

Jack Cafferty fühlt, wie im die Ermittlungen in diesem Fall zusetzten. Zu ähnlich ist dieser Fall seiner eigenen Vergangenheit: in seiner Kindheit war sein Bruder eines Tages einfach verschwunden – ein Verbrechen, das nie aufgeklärt werden konnte. Die Beweise reichten nicht aus, den Pädophilen Nachbarn zu überführen – doch seither macht dieser sich einen Spaß daraus, ihn immer wieder mit neuen Varianten zu quälen, was er seinem Bruder angetan hätte.

Er solle die Vergangenheit doch endlich ruhen lassen, meint Jacks Freundin Rebecca. Ewan sei nicht mehr am Leben, und er solle doch endlich in eine andere Wohnung ziehen, seine Gespenster vertreiben. Und mit ihr darüber sprechen – aber das kann er nicht, genauso wenig wie sie mit ihm über ihre Vergewaltigung sprechen kann.

Aber es ist ohnehin keine Zeit für Beziehungskrisen; Rory wird gefunden. Tot. Auf grausame Weise vor den Augen der Beamten vertrunken und erhungert. Und aus den einzelnen Indizien, verhärtet durch DNS-Analysen, kristallisiert sich ein Verdacht heraus, der Jack vor Entsetzen den Atem stocken lässt…

Spannend von der ersten bis zur letzten Seite – kann man eigentlich etwas Wesentlicheres über einen Krimi aussagen? Die Autorin schafft es gleich zu Beginn, den Leser mitzunehmen auf die fieberhafte Jagd nach dem verschwundenen Kind – und dessen Mörder. Wir leiden mit Jack mit, der bald nicht mehr zwischen dem aktuellen Fall und seiner eigenen Vergangenheit unterscheiden kann, können wie er nicht aufhören, wollen aufdecken, endlich die Wahrheit zutage fördern.

Es gibt allerdings auch ein paar Schwächen in der Konstruktion des Romans. Der häufige, abrupte Szenenwechsel schafft natürlich Spannungselemente, irritiert den Lesefluss aber auch häufig. Und so manches psychologisch motivierte Detail hätte man sich besser durchdacht gewünscht, logischer hinterfragt.

Normalerweise langweilt es mich mittlerweile, wenn das Privatleben der Ermittler durch die Fälle, die sie zu bearbeiten haben, so stark persönlich in Mitleidenschaft gezogen wird, als gäbe es für sie kein Leben außerhalb der Polizeiarbeit. In diesem Fall ist die Verquickung der privaten Tragödie Jacks mit diesem Kriminalfall aber sehr gut und spannend umgesetzt und wirkt nicht völlig an den Haaren herbeigezogen – wobei die Tatsache, dass immer wieder auf einen früheren Fall angespielt wird, wo
die emotionale Beteiligung ebenfalls massiv durch den privaten Bezug beeinflusst war, den positiven Effekt deutlich abschwächt.

Sprachlich ist dieser Roman zwar nicht gerade ein literarischer Leckerbissen, bietet aber immerhin solide Hausmannskost – schnell gelesen, spannend aufbereitet, ist kurzweilige Lektüre garantiert.

Mo Hayder

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu sucehn, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller "Der Vogelmann" wurde sie über Nacht zur international gefeierten Bestsellerautorin. Mo Hayder lebt heute als freie Schriftstellerin mit ihrem Lebengefährten und ihrer kleinen Tochter in London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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